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Wettertrend: Polarwirbel bricht komplett zusammen - absolut gestörte Zirkulation

| M. Hoffmann

Der reaktive Polarwirbel macht sich am Wochenende mit einem Sturmtief über Deutschland bemerkbar, was über den Küstenregionen auch zu orkanartigen Windböen führen kann. Doch bevor sich der Polarwirbel stabilisiert, greifen gleich von mehreren Seiten Hochdrucksysteme an und zerpflücken in der zweiten Oktoberdekade den Polarwirbel regelrecht. Diese Hochdruckeinschübe sind derart heftig, dass der Polarwirbel komplett zusammenbricht und mit einer mäandrierenden Struktur zu einer komplexen Großwetterlage mit Auswirkungen auf das Wetter über Deutschland führen kann.

Der Polarwirbel steht kurz vor einem Kollaps, mit teils gravierenden Auswirkungen auf die Großwetterlage © Martin Bloch
Der Polarwirbel steht kurz vor einem Kollaps, mit teils gravierenden Auswirkungen auf die Großwetterlage © Martin Bloch

Die Bewölkung verdichtet sich heute von Westen und zum Nachmittag setzt von Westen Niederschlag ein, der sich zum Abend in der ersten Nachthälfte etwa westlich einer Linie zwischen Hamburg und dem Schwarzwald intensivieren kann. Weiter nach Osten bleibt es trocken und östlich einer Linie zwischen Rostock und München auch sonnig (Wolkenradar). Der Wind kommt meist schwach aus südöstlichen Richtungen, frischt jedoch über dem Nordwesten auf und über den Küsten von Niedersachsen und Schleswig-Holstein sind stürmische Windböen und in der Nacht schwere Sturmböen möglich. Die Temperaturen erreichen +12 bis +16 Grad.

Ein Sturm, eine Kaltfront und Herbstwetter

Ein Sturmtief zieht im Zeitraum vom 4. bis 6. Oktober über Deutschland hinweg. Die dazugehörige Kaltfront bringt bereits in den frühen Samstagmorgenstunden dem Norden und Westen Regen und stürmische Windböen, welche sich bis zum Nachmittag über die östlichen Landesteile ausbreiten können. Über den Küsten und höheren Lagen sind schwere Sturmböen möglich. Orkanartige Winde lassen sich nicht ausschließen (Warnlagenbericht). Weiter über dem Landesinneren ist zumeist mit kräftigen bis stürmischen Windböen zu rechnen. Ist die Kaltfront durch, lockert die Bewölkung auf und die Sonne kommt westlich einer Linie zwischen Hamburg und dem Schwarzwald zum Vorschein. Am Sonntag zieht ein kleinräumiger Impuls von der Nord- über die Ostsee. Die Folge: Intensivierung der Windaktivität, was über Teilen von Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zu orkanartigen und über dem Landesinneren zu stürmischen Winden führen kann. Bei starker bis wechselnder Bewölkung kommt es zu zeitweiligem Niederschlag, der über den Küsten kräftiger ausfallen kann. Bis Mitte der kommenden Woche beruhigt sich das Wetter allmählich, wobei der Montag mit starker Bewölkung und zeitweiligem Niederschlag herbstlich ausfallen kann. Wer es genauer wissen möchte: Wetter Oktober.

Der Herbst im Oktober - Stürmische Winde mit kräftigen Niederschlag

Wettervorhersage der Prognose-Modelle: Der Herbst im Oktober - Stürmische Winde mit kräftigen Niederschlag © www.meteociel.fr || wxcharts.com

Wettervorhersage nach dem europäischen Wettermodell: Polarwirbelsplit - zwischen Spätsommer und Graupelschauern

Die Vorhersage-Modelle unterscheiden sich bereits in der Kurzfristprognose für Deutschland deutlich, doch zeigt sich in der Entwicklung der Großwetterlage eine klare Struktur. Maßgeblich für die weitere Wetterentwicklung ist der Polarwirbel mit seinem Cluster zwischen Kanada und Grönland und das mächtige Kontinentalhoch, das immer weiter in Richtung des Nordpols drngt.

Zusammenbruch des Polarwirbels und die Folgen

Bereits seit einigen Tagen wird der Zusammenbruch des Polarwirbels zum Beginn der zweiten Oktober-Dekade berechnet. Dabei drängt das Kontinentalhoch weiter in Richtung Alaska vor, was den Polarwirbel in zwei Cluster teilt - der Polarwirbelsplit. Das ist für die Jahreszeit zwar nichts Ungewöhnliches, doch die Wucht, mit der das passiert, ist dann doch bemerkenswert. Die Folge daraus ist eine nahezu vollständige Zerstörung der Polarwirbelstruktur, die man so nicht häufig zu sehen bekommt.

Absolut gestörte Zirkulation mit mäandrierendem Muster

Dem Polarwirbelsplit folgt die absolut gestörte Zirkulation, bei der sich der Polarwirbel in seinem eigentlichen Aktionsbereich über Kanada und Grönland nahezu vollständig von einem Keil des Azorenhochs zurückdrängen lässt. Normalerweise ist von Mitte Oktober bis Ende November die Zeit der atlantischen Frontalzone, welche mit einer Westwetterlage zu Herbststürmen und abwechslungsreichem Wetter führen kann. Doch mit dem Blockadehoch und dem fehlenden Cluster des Polarwirbels über Kanada und Grönland bricht die gewohnte Struktur der Großwetterlage komplett zusammen. Man spricht von einer absolut gestörten Zirkulation und schaut man sich die untenstehenden Wetterkarten an, erkennt man zudem noch ein mäandrierendes Muster (verschlungen).

Altweibersommer oder der Vollherbst?

Entscheidend, ob mit der absolut gestörten Zirkulation über Deutschland, Österreich und der Schweiz der Altweibersommer oder der Vollherbst mit Wind, Sturm und den ersten Graupelschauern Einzug halten wird, ist die Positionierung des Blockadehochs auf dem Atlantik. Entfernt es sich zu weit von Mitteleuropa, besteht die Möglichkeit, dass ein Cluster des Polarwirbels über Skandinavien in Richtung der Alpen rauscht und den Vollherbst nach Deutschland bringt. Bleibt das Hoch stattdessen in der Nähe von Mitteleuropa, wird sich eine gradientenschwache - durchaus zu Nebel neigende - Wetterlage einstellen, bei der vielerorts der Sonnenschein überwiegt und die Temperaturen auf bis +20 Grad ansteigen können.

Polarwirbelsplit mit nachfolgend absolut gestörter Zirkulation. Ob Spätsommer oder der Vollherbst mit Graupelschauern über Deutschland Einzug hält, hängt letztlich von der Ausgestaltung und Positionierung des Hochdrucksystems ab

Wetterprognose nach dem europäischen Wettermodell: Polarwirbelsplit mit nachfolgend absolut gestörter Zirkulation. Ob Spätsommer oder der Vollherbst mit Graupelschauern über Deutschland Einzug hält, hängt letztlich von der Ausgestaltung und Positionierung des Hochdrucksystems ab © www.meteociel.fr

Wetterprognose nach dem amerikanischen Wettermodell: Polarwirbel mit erheblichen Störungen

Auch die Wettervorhersage des amerikanischen Wettermodells lässt den Polarwirbel regelrecht auseinanderfliegen. Die Folge ist sowohl eine spätsommerliche als auch herbstliche Wetterphase, bei der auch die ersten Graupelschauer bestaunt werden können. Es handelt sich also nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.

Kurz vor dem Polarwirbelsplit - Ein Hoch über Deutschland

Ein Hoch dehnt sich zum Beginn der zweiten Oktoberdekade von Kanada und Alaska in Richtung Nordpol aus und stellt bis zum 12. Oktober eine schwache Querverbindung zum Kontinentalhoch über Russland her. Der Polarwirbelsplit im Ansatz wird jedoch zunächst nicht vollzogen. Da der Splitansatz von einem Hoch über Kanada ausgeht, kann sich das Azorenhoch mehr in Richtung Mitteleuropa entwickeln. Infolge dessen stellt sich im Zeitraum vom 7. bis 12. Oktober über Deutschland, Österreich und der Schweiz eine hochdruckdominierte Wetterlage ein. Nach Auflösung zäher Nebelfelder scheint bei trockenem Wetter verbreitet die Sonne und die Temperaturen erreichen mit +17 bis +22 Grad durchaus spätsommerliche Werte.

Polarwirbel fliegt auseinander

Die Hochdruckgebiete lassen nicht nach und dringen bis zum 15. Oktober gleich von mehreren Seiten in den Polarwirbel hinein vor. Die Folge: ein Split mit drei Achsen und gleich fünf Clustern. Der Polarwirbel wird regelrecht auseinandergenommen. Entscheidend ist auch nach dieser Wetterprognose, wie sich das Hoch auf dem Atlantik positioniert. Im Vergleich zum europäischen Wettermodell liegt das Hoch deutlich weiter westlich, was ein Cluster des Polarwirbels zwischen Island, England und Skandinavien nach Deutschland austrogen lässt.

Die Temperaturen sinken ab und pendeln sich bis zum 19. Oktober mit +10 bis +14 Grad in den herbstlichen Bereich ein. Mit Niederschlag können die Werte auf bis +6 Grad absinken. Mit entsprechender Intensität können Graupelschauer bis auf die mittleren Lagen herab nicht ausgeschlossen werden. Ab den höheren Lagen kann mit Schneefall und über den Alpen mit winterlichen Bedingungen gerechnet werden.

Der Polarwirbel wird gleich von mehreren Seiten angegriffen und fliegt zum Ende der zweiten Oktober-Dekade regelrecht auseinander

Die Wetterprognose nach dem amerikanischen Wettermodell: Der Polarwirbel wird gleich von mehreren Seiten angegriffen und fliegt zum Ende der zweiten Oktober-Dekade regelrecht auseinander © www.meteociel.fr

Auf den Punkt gebracht: Zwischen wildem Herbstwetter und goldenem Oktober

Das Resümee ist zwischenzeitlich um 120 Stunden gealtert und hat mit dem möglichen Polarwirbelsplit heute weiterhin seine Gültigkeit. Beide Vorhersage-Modelle stützen den Polarwirbelsplit - wenn auch zeitlich versetzt - was die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses zum Beginn der zweiten Oktober-Dekade erhöht. Damit einhergehend sind die Unsicherheiten der kommenden Entwicklung der Großwetterlage. Beides ist möglich - ein Absturz in den Vollherbst, der mit einer nasskalten Witterung neben Schneefall über höheren Lagen auch für Graupelschauer bis auf die mittleren Lagen herab, als auch eine stabile und spätsommerliche Wetterlage zur Folge haben kann.

Welches Wetter wahrscheinlich ist

Klar ist: Eine Westwetterlage wird es so schnell nicht geben, stattdessen wird eine absolut gestörte Zirkulation zunehmend wahrscheinlicher. Ob warm oder kalt bleibt abzuwarten. Die Unsicherheiten spiegeln sich auch im Mittelwert aller Kontrollläufe wider, welche gestern noch eine etwas zu kalte Temperaturentwicklung in Aussicht gestellt hatten, diese heute aber auf eine Anomalie von +0,5 bis +1,5 Grad korrigiert haben. Der Vollherbst, den das amerikanische Wettermodell simuliert, ist im Vergleich zum Mittelwert aller Kontrollläufe die mit Abstand kälteste Variante.

Die Regenprognose

Aber auch in der Regenprognose gab es heute einen Rückzieher. Im Zeitraum vom 4. bis 7. Oktober ist mit einer erhöhten Niederschlagsaktivität zu rechnen, während sich vom 8. bis 18. Oktober eine weitgehend trockene Wetterentwicklung durchsetzen kann. Sowohl die Temperaturentwicklung mit einem Tagesmittelwert um die +15-Grad-Marke schwankend, als auch die Niederschlagsentwicklung lassen jetzt nicht gerade den Rückschluss auf den Durchbruch des Vollherbstes zu. Aber auch zum Spätsommer fehlt noch ein ganzes Stück. Was bleibt, ist eine gradientenschwache Wetterentwicklung, bei der Sonne, Wolken und teils zäher Nebel eine Rolle spielen können. Kurzum - der goldene Oktober. Schaun mer mal.

Ein Polarwirbelsplit - und damit eine unsichere Wetterentwicklung - wird zum Beginn der zweiten Oktober-Dekade sehr wahrscheinlich

Der Wettertrend nach dem Mittelwert aller Kontrollläufe: Ein Polarwirbelsplit - und damit eine unsichere Wetterentwicklung - wird zum Beginn der zweiten Oktober-Dekade sehr wahrscheinlich © www.meteociel.fr

Die Temperaturprognose der Wettermodelle
Tag Temperaturspektrum Temperaturmittelwert
9. Oktober +10 bis +19 Grad +15 bis +17 Grad
13. Oktober +8 bis +21 Grad +14 bis +16 Grad
18. Oktober +6 bis +25 Grad +12 bis +14 Grad
Diagramm Temperaturen Oktober 2025

Die Wahrscheinlichkeiten der Kontrollläufe Oktober 2025 von zu kalt, normal, zu warm im Vergleich zum vieljährigen Mittelwert (1961 bis 1990)

Regenradar
Regenradar Deutschland
© Deutscher Wetterdienst, Offenbach (DWD)