Super-El-Niño 2026/27: Welcher Winter braut sich über Europa zusammen?
Es ist eine Entwicklung, die inzwischen selbst die großen meteorologischen Zentren aufhorchen lässt. Der El Niño im tropischen Pazifik ist nicht nur etabliert - er verstärkt sich weiter. Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) spricht inzwischen von einem sehr starken Ereignis und sieht eine Wahrscheinlichkeit von nahezu 100 Prozent, dass El Niño bis in den Februar 2027 hinein bestehen bleibt. Das Met Office geht sogar noch weiter und bezeichnet die Entwicklung als außergewöhnlich und möglicherweise als stärkstes Ereignis seit dem 19. Jahrhundert und bestätigt so den Trend vom Frühjahr. Doch für Deutschland ist nicht allein die Temperatur des Pazifiks entscheidend. Viel spannender ist die Frage, welche Kettenreaktion daraus entstehen kann.
Denn der kommende Winter trifft auf einen Atlantik, der mit der fortschreitenden Klimaerhitzung selbst aus dem Gleichgewicht geraten ist. Der Nordatlantik ist außergewöhnlich warm, ebenso weite Teile des europäischen Meeresraums. Bereits im Juli wurden im westlichen Nordatlantik und in den europäischen Randmeeren Rekordwerte gemessen. Auch das Mittelmeer hat 2026 eine extreme Wärmeanomalie aufgebaut. Im westlichen Mittelmeer wurden im August lokal Wassertemperaturen von bis zu sechs Grad über dem langjährigen Mittel registriert und damit beginnt die eigentliche Geschichte.
El Niño trifft auf einen überhitzten Atlantik
El Niño ist kein Schalter, der in Europa einfach warm oder kalt einschaltet. Die tropische Erwärmung verändert die Konvektion und erzeugt großräumige Rossby-Wellen, die sich über Tausende Kilometer ausbreiten können. Der subtropische Jetstream kann dadurch seine Lage und Stärke verändern. Und da beginnt die Verbindung zum Nordatlantik.

Das Copernicus-System zeigt, dass El Niño durchaus einen Einfluss auf die europäische Zirkulation besitzt - allerdings mit einer entscheidenden Einschränkung: Das Signal verändert sich im Verlauf des Winters. Im November und Dezember zeigt sich ein anderes Muster als im Januar und Februar. Ein über den gesamten Winter gemitteltes Signal kann deshalb relativ schwach erscheinen, obwohl innerhalb des Winters deutliche und spürbare Veränderungen auftreten.
Winter 2026/27 ein Winter der Gegensätze
Der Atlantik liefert die Feuchtigkeit und Energie. El Niño verändert den großräumigen Antrieb. Die Arktis liefert mit dem zurückgehenden Meereis einen weiteren Faktor. Und darüber entscheidet schließlich der Polarwirbel, wie weit kalte Luftmassen überhaupt nach Süden ausbrechen können.
Der Nordatlantik als gigantischer Wärmespeicher
Der ungewöhnlich warme Atlantik darf dabei nicht unterschätzt werden. Ein warmer Ozean bedeutet im Herbst und Winter eine deutlich höhere Energie- und Feuchtequelle für die Atmosphäre. Über dem Atlantik können sich dadurch kräftige Tiefdruckgebiete entwickeln. Während die Position des Jetstreams entscheidend wird.
Ein starker Westdrift (reaktive Frontalzone) würde warme Atlantikluft direkt nach Europa führen können. Deutschland läge dann häufig auf der warmen Vorderseitenanströmung der Frontalzone. Der Winter wäre nass, windig und außergewöhnlich mild.
Wenn der Jetstream mäandriert und sich ein kräftiges Hochdruckgebiet über dem Nordatlantik oder weiter nördlich aufbaut, können die atlantischen Tiefdruckgebiete nach Süden abgedrängt werden. Dann verändert sich die Strömung über Europa grundlegend. Aus West wird Nordwest - Oder sogar Nord und plötzlich kann Deutschland in den Einflussbereich einer kalten gestörten Zirkulation gelangen.
Option 1: Die Westwetterlage
Eine Westwetterlage ist zunächst das vielleicht naheliegendste Szenario. Ein kräftiger Jetstream führt wiederholt Tiefdruckgebiete Richtung Island, Nordsee und Skandinavien. Die Gradienten zum Azorenhoch sind gepresst und verstärken die Westwinde. Deutschland gelangt so in den Einflussbereich maritim geprägter Luftmassen.
Das bedeutet: mildes bis warmes, windiges und niederschlagsreiches Winterwetter. Schnee wäre ab den höheren mittleren Lagen immer wieder möglich, in mittleren und tieferen Lagen würde sich kalte Luft jedoch kaum dauerhaft festsetzen können.
Gerade der ungewöhnlich warme Atlantik könnte diese Entwicklung unterstützen. Das Met Office erwartet für Nordwesteuropa bereits im Herbst und frühen Winter eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für nassere und stürmischere Wetterbedingungen.
Option 2: Die gestörte Zirkulation mit einer Blockade
Doch ein Super-El-Niño kann auch eine völlig andere Entwicklung begünstigen. Statt einer zonal verlaufenden Westwetterlage kann sich eine stark mäandrierende, meridionale Strömung etablieren. Dann wäre ein Blockadehoch über dem Nordatlantik, Island oder Skandinavien von besonderem Interesse.
Ein solches Hoch könnte die Tiefdruckdynamik auf dem Atlantik blockieren. Die Tiefdruckgebiete müssten nach Süden austrogen. Gleichzeitig könnte auf der Ostseite des Hochs kalte kontinentale oder arktische Luft nach Mitteleuropa strömen. Dann wäre genau das Gegenteil einer Westwetterlage möglich:
Kälte, Frost und Schnee
Und zwar trotz eines außergewöhnlich warmen Atlantiks. Das klingt zunächst paradox, ist aber meteorologisch keineswegs ausgeschlossen.
Option 3: Die meridionale Großwetterlage
Für Deutschland wäre dies wahrscheinlich die spannendste Variante, denn ein stark mäandrierender Jetstream (verschlungen) könnte den europäischen Kontinent in einzelne Luftmassenbereiche aufteilen. Während sich über dem Atlantik oder Skandinavien ein Hochdruckblock festsetzt, können auf der Ostseite arktische oder kontinentale Kaltluftmassen nach Süden geführt werden.
Dann kann das Wetter innerhalb weniger Tage von ungewöhnlich warm auf tiefwinterlich kippen, denn meridional bedeutet nichts anderes, als dass die Großwetterlage mit Blockadehochs gestört ist und die normal
vorherrschende Westwetterlage sich nicht durchsetzen kann. Dann werden die Luftmassen entweder von Süd nach Nord (ungewöhnlich warm) oder von Nord nach Süd (ungewöhnlich kalt) geführt. Und genau hier kommt der Polarwirbel ins Spiel.
Der Polarwirbel als Joker
Der Polarwirbel ist einer der entscheidenden Faktoren für die Frage, ob sich Kaltluft in hohen Breiten einschließt oder nach Süden ausbrechen kann. Untersuchungen zu den drei historischen Super-El-Niño-Ereignissen 1982/83, 1997/98 und 2015/16 zeigen einen bemerkenswerten Zusammenhang: Insbesondere der Winter 82/83 wies im frühen Januar eine schnelle Umstellung der AO/NAO von positiv zu negativ auf. Diese Entwicklung ging mit einer Abschwächung der westlichen Strömung und einer stärkeren meridionalen Zirkulation einher und hatte über Nord- und Mitteleuropa Kältephasen zur Folge.
El Niño kann über planetare Wellen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass mehr Wellenenergie in die Stratosphäre gelangt und der Polarwirbel gestört wird. Eine solche Entwicklung kann wiederum die Wahrscheinlichkeit für eine negative AO/NAO erhöhen - und damit für blockierende Wetterlagen über Europa. Aber auch hier gilt:
Keine Garantie für Winterwetter
Der Polarwirbel muss tatsächlich entsprechend reagieren. Und genau diese Kopplung ist einer der schwierigsten Bereiche der saisonalen Vorhersage. Denn selbst ein sicher geglaubter Arctic Outbreak verpuffte schon in manchen Winter kurz vor eintreffen und statt Winterwetter kippte die Großwetterlage auf Südwest, was die Freunde des Winterwetters
häufig zur Verzweiflung trieb.
Und dann ist da noch die Arktis
Ende August lag die arktische Meereisausdehnung bei nur 4,65 Millionen Quadratkilometern und liegt damit auf Vorjahresniveau. Besonders auffällig war die geringe Eiskonzentration auf der Atlantikseite bis weit Richtung Nordpol. Das bedeutet nicht automatisch einen kalten europäischen Winter. Aber die geringe Eisausdehnung verändert die Randbedingungen.

Weniger Eis bedeutet mehr offene Wasserfläche. Der Ozean kann im Herbst länger Wärme und Feuchtigkeit an die Atmosphäre abgeben. Gleichzeitig verändert sich dadurch die Temperaturverteilung zwischen Arktis und mittleren Breiten.
Für die großräumige Zirkulation kann das relevant sein - insbesondere dann, wenn gleichzeitig Schnee, Stratosphäre und tropische Konvektion in eine bestimmte Richtung wirken. Die außergewöhnlich warmen Meeresoberflächen im Nordpazifik und besonders im Nordatlantik sind in von besonderer Bedeutung für die kommende AO-/Polarwirbel-Entwicklung.
Maritime Hitzewellen: Das Mittelmeer könnte zum Verstärker werden
Und schließlich gibt es noch einen Faktor, der in vielen Winterbetrachtungen zu wenig beachtet wird: das Mittelmeer. 2026 war das Mittelmeer außergewöhnlich warm in den Herbst gestartet. Im westlichen Mittelmeer wurden im August Anomalien von lokal rund sechs Grad registriert. Das ist gewaltig, besonders im Bezug auf die gespeicherte Energie. Zudem gab es in 2026 ungewöhnlich häufige Maritime Heat Spikes (MHS - Marine Hitzewellen). Diese rekordwarme Badewanne
mit aktuell rund 28 Grad kann im Winter zum Gamechanger
werden.
Ein warmes Mittelmeer liefert einer möglich heranziehenden Kaltluft zusätzliche Energie und Feuchtigkeit. Wenn sich gleichzeitig ein Höhentief oder ein Kaltlufttropfen über dem westlichen oder zentralen Mittelmeerraum entwickelt, kann daraus eine explosive Tiefdruckentwicklung entstehen.

Unwetterartiger Schneefall und Regen
Für Deutschland wäre das besonders bei einer blockierenden oder meridionalen Wetterlage interessant. Dann könnte kalte Luft aus Norden oder Osten nach Süden strömen, während über dem Mittelmeer ein kräftiges Tief entsteht. Die Folge:
Starkniederschläge im Mittelmeerraum, intensive Schneefälle an den Alpen und möglicherweise auch in Teilen Süddeutschlands.
Das bedeutet: Ein sehr warmer Mittelmeerraum schließt einen schneereichen Winter in Deutschland keineswegs aus. Im richtigen synoptischen Setup kann er sogar als zusätzlicher Feuchtegenerator wirken, häufiger sorgt dieses Setup jedoch für kräftigen und unwetterartigen Regen.
Rückschlüsse aus früheren Super-El-Niños?
1982/83, 1997/98 und 2015/16 gelten als die drei klassischen Super-El-Niño-Ereignisse der modernen Messgeschichte. Doch der Blick nach Europa zeigt gerade nicht den einen typischen El-Niño-Winter - und das ist wichtig.
Die Forschung findet zwar Hinweise auf wiederkehrende Zirkulationsmuster, aber die europäische Reaktion ist wesentlich schwächer und variabler als beispielsweise in Nordamerika. ECMWF weist ausdrücklich darauf hin, dass andere Faktoren wie Atlantiktemperaturen, Meereis und Schnee die Wirkung des El-Niños in Europa überlagern können.
Interessant ist deshalb nicht die Frage Wie kalt war der Winter 1982/83?
, sondern: Welche atmosphärischen Prozesse wiederholen sich? Und hier fällt die mögliche Januar-Umstellung der AO/NAO ins Auge. Das könnte auch 2026/27 ein wichtiger Zeitpunkt werden.
Nichtsdestotrotz - bewertet man die Winter in den starken El-Niño-Jahren, so war der Winter 82/83 gegenüber dem vieljährigen Mittelwert von 1961/1990 um +1,4 Grad zu warm. Der Winter 97/98 um +2,7 Grad erheblich und der Winter 2015/16 um +3,4 Grad sogar extrem zu warm. Nachfolgend einmal die Großwetterlagen der starken El-Niño-Jahre.

Nach dem Extremsommer kommt der Extremwinter?
Damit sind wir bei der entscheidenden Frage. Nach dem außergewöhnlich heißen und trockenen Sommer 2026 über weiten Teilen von Europa könnte man erwarten, dass ein milder Winter folgt. Doch die Atmosphäre funktioniert nicht nach dem Prinzip eines Temperaturkontos, das sich einfach aufsummiert.
Ein heißer Sommer bedeutet nicht automatisch einen kalten Winter. Und ein Super-El-Niño bedeutet ebenfalls nicht automatisch Schnee. Was sich aber verändert, sind die Wahrscheinlichkeiten bestimmter Großwetterlagen. Für Deutschland gelten deshalb die drei aufgezeigten Optionen
- West- Südwestwetterlage: mild, bis warm windig und niederschlagsreich
- Meridionale Lage mit Blockade: wechselhaft, hohe Temperaturgegensätze und die Möglichkeit markanter Kalt- und Warmluftvorstöße
- Persistente Blockade - gestörte Zirkulation: längere kalte oder warme Phasen (Positionsabhängig), bei entsprechender Mittelmeer- und Tiefdruckentwicklung auch größere Schneefälle oder Regen.
Eine dauerhaft trockene, kalte Hochdrucklage wäre ebenfalls denkbar, erscheint aber aktuell nicht als zwangsläufige Konsequenz des Super-El-Niño.
Auf den Punkt gebracht
Der kommende Winter ist deshalb kein einfacher El-Niño-Winter. Er wird mit den Kippmustern der Klimaerhitzung zu einem Experiment der Atmosphäre, welches es so noch nicht gegeben hat und entsprechende Erfahrungen schlichtweg fehlen.
Auf der einen Seite steht der außergewöhnlich warme tropische Pazifik. Auf der anderen Seite ein überhitzter Nordatlantik, ein rekordwarmes Mittelmeer und eine Arktis mit weiterhin sehr wenig Meereis und dazwischen liegt Europa.
Der entscheidende Kampf
wird deshalb nicht zwischen warm und kalt stattfinden. Er wird zwischen Westströmung und Blockade entschieden. Bleibt der Atlantikjet stark und zonal, droht Deutschland ein weiterer außergewöhnlich milder, nasser und stürmischer Winter - der Supermildwinter.
Beginnt der Jet jedoch zu mäandrieren, kann ein Blockadehoch entstehen. Dann kann die Geschichte innerhalb weniger Tage völlig zwischen einem Arctic-Outbreak oder einem extrem warmen Winter anders aussehen.
Und damit nicht genug - sollte zusätzlich der Polarwirbel gestört werden und die AO/NAO in eine negative Phase kippen, wäre plötzlich auch ein Winter mit markanten Kältephasen und kräftigen Schneefällen möglich.
Das Überraschende an diesem Winter könnte deshalb gerade darin liegen, dass beides gleichzeitig möglich ist und sich nichts ausschließen lässt. Unter dem Strich aber ist die Klimaerhitzung um ein vielfaches stärker mit den Auswirkungen auf den Winter über Mitteleuropa und so wäre ein normaler oder gar zu kalter Winter 2026/27 eine faustdicke Überraschung. Viel wahrscheinlicher ist der 15. zu warme Winter in Folge (Abweichung ≥ 0 Grad gegenüber dem international gültigen Klimamittelwert von 1961/90).
Der Super-El-Niño aber liefert den Impuls und den Winter entscheidet letztlich der Atlantik. Und was für den Sommer 2026 galt, gilt auch für den Winter 2026/27: Fragmentiert, unberechenbar und mit deutlichen Signalen in den Extremen. Schaun mer mal.
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