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Schwammwald statt Flut: Der unterschätzte Schutzschild, den die Natur uns bereits bietet

| V. Sattler

In den letzten Jahren fällt auf, dass wir allein in Deutschland immer längere Trockenperioden erleben. Wenn nach einer solchen langen Trockenperiode wieder Niederschlag angekündigt wird, kann es vorkommen, dass der stark ausgetrocknete Boden das Wasser nur schlecht aufnimmt – und es in der Folge zu Überschwemmungen kommt. Auch im Hinblick auf die aktuell noch anhaltend historische Hitzewelle im Juni 2026 mit neuen Temperaturrekorden wird eine andere Betrachtungsweise des Waldes in Zeiten des sich rasant wandelnden Klimas immer wichtiger.

Entlang einer Rückegasse wird der Boden verdichtet und kann weniger Wasser speichern
Entlang einer Rückegasse wird der Boden verdichtet und kann weniger Wasser speichern

Warum aber nimmt der Waldboden das Wasser nach einer Dürre das Wasser so schlecht auf? Betrachtet man den Boden genauer, stellt man fest: Je trockener er ist, desto länger braucht er, um wieder Wasseraufnahmefähig zu werden. Der Fachausdruck dafür lautet Benetzungshemmung.

Warum trockener Boden kein Wasser mehr aufnimmt – das steckt dahinter

Um sich die Problematik besser vorstellen zu können, machen wir einen kleinen Abstecher in die Küche.

Wenn man beim Backen in Mehl eine Mulde formt und dort eine Flüssigkeit hineingießt, merkt man, dass die Flüssigkeit nicht sofort versickert, sondern zunächst an der Oberfläche bleibt.

Putzt man nach dem Backen die Küche und nutzt dafür ein trockenes Schwammtuch, merkt man auch hier, dass dieses im trockenen Zustand deutlich schlechter Wasser aufnimmt, als wenn es bereits leicht angefeuchtet ist.

Die Effekte lassen sich zwar nicht eins zu eins auf die Natur übertragen, helfen aber dabei, sich die Problematik anschaulich vorzustellen.

Kommen wir zurück zum Boden: Wasser verteilt sich im Boden durch ein Zusammenspiel von Kohäsion (weitere Wassermoleküle werden durch bereits vorhandene Wassermoleküle angezogen) und Adhäsion (Wasser haftet an den Bodenkörnern) – so nimmt die Bodenfeuchte nach und nach zu. Nicht nur die langsame Wasseraufnahme ist bei Bodentrockenheit ein Problem – auch die Erosion nimmt in solchen Phasen deutlich zu.

Drainagen raus, Wasser rein: So funktioniert der Wald als natürlicher Hochwasserschutz

Doch bietet die Natur selbst Möglichkeiten, Wasser für Pflanzen und Umwelt zu speichern?

Ja, die gibt es! Ein Ort, der auf natürliche Weise Wasser länger speichern kann, ist der Wald. Dabei gibt es gleich mehrere Mechanismen, die dabei eine Rolle spielen.

Beim Konzept der sogenannten Schwammwälder werden Drainagerohre im Waldboden entfernt und bestehende Entwässerungen zurückgebaut. Dadurch kann das Wasser wieder natürlich abfließen, was die Versickerung im Waldboden deutlich erhöht.

Durch eine gezielte Aufforstung mit Bäumen, die unterschiedlich tief wurzeln, wird die Wasseraufnahme zusätzlich begünstigt. Das ist in mehrfacher Hinsicht nützlich: Bei Starkregen und Hochwasser kann der Wald – wie der Name bereits andeutet – große Wassermengen aufnehmen und zwischenspeichern. In Trockenperioden gibt er dieses gespeicherte Wasser dann schrittweise wieder an die umliegende Vegetation ab. Ein Schwammwald kann dabei bis zu 400 l/m² an Niederschlag aufnehmen, während entlang von Transport- und Maschinenwegen, sowie Rückegassen durch die Verdichtung des Bodens nur zwischen 50 bis 200 l/m² vom Boden aufgenommen werden können.

Totholz: Der unterschätzte Wassertank im Wald

Eine weitere Möglichkeit, Wasser im Wald zu speichern, bietet Totholz. In einem Kubikmeter Totholz können bis zu 500 Liter Wasser gespeichert werden. Die Aufnahmefähigkeit hängt dabei von der Dichte des Holzes ab – so kann beispielsweise Fichtenholz mehr Wasser speichern als das dichtere Eichenholz. Im Schnitt kann eine verrottende Buche bis zu 2.000 Liter an Wasser speichern. Die Bildung von Moosen, Flechten, Blühpflanzen und Farnen sowie der natürliche Zerfallsprozess des Holzes erhöhen die Wasseraufnahmefähigkeit nochmals deutlich. Zusammengefasst lässt sich sagen: Totholz fördert die Wasserspeicherung im Wald und im Boden, sorgt durch Verdunstung für ein kühleres Waldklima und wirkt sich zudem positiv auf die Vorbeugung von Waldbränden aus.

Allerdings sorgt nicht nur Totholz für eine bessere Waldklimatisierung und Grundwasserqualität – auch lebende Bäume leisten einen entscheidenden Beitrag, indem sie große Mengen Wasser aufnehmen und über ihre Blätter wieder verdunsten.

Ein Baum nimmt durch seine Wurzeln Wasser und über die Blätter Licht sowie CO₂ auf. Daraus bildet er Zucker und Sauerstoff – den verbleibenden Wasseranteil gibt er zur Temperaturregulierung wieder an die Umgebung ab. Dieser Anteil beträgt mehr als 94 % des aufgenommenen Wassers und ist damit einer der wichtigsten Prozesse im Leben eines Baumes.

Wie Bäume Wasser aus dem Boden saugen – und woran manche scheitern

Doch wie gelangt das Wasser überhaupt vom Boden in den Baum? Und warum können manche Bäume in trockenen Gegenden besser überleben als andere?

In einem groben Überblick lässt sich dazu folgendes sagen: Bäume und Pflanzen ziehen Wasser durch Unterdruck aus dem Boden. Über ein internes Leitungssystem, die sogenannten Leiterbahnen, verteilt sich die Flüssigkeit im gesamten Baum. Unter normalen Bedingungen herrscht in diesen Leiterbahnen ein Unterdruck von -5 bis -30 Bar. Bei Trockenstress kann dieser auf bis zu -50 Bar ansteigen. Einzelne, besonders widerstandsfähige Bäume in Wüstenregionen können sogar Werte von bis zu -80 Bar erreichen.

Wird der Unterdruck jedoch zu groß, bilden sich in den Leitungsbahnen Luftblasen, die den Wassertransport blockieren – der Baum kann nicht mehr ausreichend versorgt werden und vertrocknet.

Daran lässt sich erkennen, warum manche Baumarten durch die Fähigkeit, höhere Drücke in ihren Leiterbahnen aufzubauen, in wasserarmen Landschaften besser überleben können als andere.

Die Bedeutung eines intakten Waldes für die Wasseraufnahme wird besonders deutlich, wenn man die durch den Klimawandel zunehmenden Extremwetterereignisse genauer betrachtet.

Vereinfacht gesagt: Emissionen führen zu höheren Temperaturen, wodurch mehr Wasser verdunstet und der Wasserdampfgehalt in der Atmosphäre steigt – was wiederum häufigere und intensivere Starkregenereignisse begünstigt. In solchen Situationen muss der Wald große Niederschlagsmengen in kürzester Zeit aufnehmen und kann so dazu beitragen, schwere Überschwemmungen zu verhindern.

Starkregen, Dürre, kein Schnee: Warum der Wald mehr denn je gebraucht wird

Doch es gibt auch die andere Seite: Die Schneemengen nehmen kontinuierlich ab, wodurch gerade im Frühjahr wichtige natürliche Wasserreserven für die Natur ausbleiben. Auch hier kann der Wald mit seinen beschriebenen Wasserspeichermöglichkeiten einen wertvollen Ausgleich schaffen.

Wenn wir nicht schnellstmöglich an einer Reduktion von Emissionen arbeiten, unsere Wälder renaturieren und sorgsam mit unserer Umwelt umgehen, werden Häufigkeit und Intensität extremer Wetterereignisse weiter zunehmen – mit wachsenden Herausforderungen für Mensch, Tier und Natur.

Die Natur kennt die Lösung – wir müssen sie nur lassen

Doch es gibt noch Hoffnung – es ist noch nicht zu spät, etwas zu verändern! Die Abläufe in der Natur folgen keinem Zufall und sollten nicht leichtfertig durch menschliche Eingriffe gestört werden.

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© Deutscher Wetterdienst, Offenbach (DWD)

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