Super-El-Niño ist ein Szenario mit ernsthaften globalen Konsequenzen
Es gibt Klimaphänomene, die man kennt, die man einordnen kann und über die man im Meteorologenalltag schreibt. Und dann gibt es jene, bei denen man zweimal hinschaut und dreimal nachliest, bevor man das Wort Super
davor setzt. Der Super-El-Niño gehört zur zweiten Kategorie. Was sich derzeit im tropischen Pazifik anbahnt, hat das Potenzial, das globale Klimasystem auf Jahre hinaus zu destabilisieren - und die Folgen werden auch über Deutschland, Österreich und die Schweiz spürbar sein.

El Niño beschreibt die unregelmäßige, meist alle drei bis sieben Jahre auftretende Erwärmung der Meeresoberflächentemperaturen im zentralen und östlichen tropischen Pazifik. Normalerweise halten starke Passatwinde das warme Oberflächenwasser im Westpazifik zurück. Schwächen diese Winde ab, drückt das angestaute Warmwasser nach Osten - die Meeresoberfläche erwärmt sich, die Atmosphäre reagiert, der globale Wettermotor läuft heiß. Ein Super-El-Niño
ist dabei kein eigenständiges Phänomen, sondern ein El Niño in seiner extremsten Ausprägung: Der Niño-3.4-Index überschreitet dabei die Marke von +2,0 Grad. Das gab es in der Messgeschichte zweimal: 1997/98 und 2015/16. Beide Male mit beispiellosen Folgen.
Der aktuelle Stand: Mai 2026
Anfang April 2026 befand sich der tropische Pazifik formal noch unter ENSO-neutralen Bedingungen. Der Niño-3.4-Index lag bei -0,2 Grad. Aktuell sind es +0,24 Grad. Wer das für Entwarnung hält, schaut auf die falsche Zahl. Entscheidend sind die subsurface-Temperaturen - also das, was sich unterhalb der Meeresoberfläche in Tiefen von 100 bis 300 Metern aufbaut. Und hier steigen die Anomalien seit fünf Monaten kontinuierlich an. Das ist das klassische Vorspiel eines starken El Niño: Die Energie wird zuerst in der Tiefe akkumuliert, bevor sie nach oben durchbricht. Die Prognosemodelle sprechen eine klare Sprache: El Niño wird ab Mai–Juli mit 61–62% Wahrscheinlichkeit erwartet und soll bis Jahresende persistieren (andauern). Die NOAA beziffert die Wahrscheinlichkeit für einen Super-El-Niño (Niño-3.4 ≥ +2,0°C) im Winter 2026/27 auf 25 Prozent - moderat oder stark ebenfalls auf 25 Prozent. Nur 10 Prozent Wahrscheinlichkeit für neutrale Bedingungen.
2026 das zweitwärmste - 2027 das wärmste Jahr der Geschichte?
Das Portal Carbon Brief hat auf Basis von fünf unabhängigen Temperaturzeitreihen hochgerechnet: 2026 wird mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit zu den vier wärmsten Jahren seit Messbeginn zählen - und wahrscheinlich das zweitwärmste Jahr werden. Die Logik dahinter ist simpel: Die Klimaerhitzung hat die globale Basistemperatur bereits auf ein historisches Niveau angehoben. Kommt ein Super-El-Niño obendrauf, setzt dieser weitere Energie frei - im globalen Jahresmittel sind das erfahrungsgemäß zusätzliche +0,1 bis +0,2 Grad. Und bevor diese Wärme aus der Atmosphäre entweichen kann, folgt oft schon das nächste Ereignis. Das war 1998 so, das war 2016 so. Der entscheidende Unterschied zu damals: Die Ausgangstemperatur war 1997 und 2015 noch tiefer. Heute bauen wir auf einem wärmeren Fundament. Was folgt, wenn El Niño 2027 seinen vollen Effekt entfaltet, dürfte ein globales Rekordjahr werden.
Sommer 2026 über Deutschland - was El Niño indirekt anrichtet
Die direkten Sommerwirkungen eines El Niño auf Mitteleuropa sind erheblich schwächer als in Tropenregionen, aber sie existieren - über indirekte Telekonnektionen. Ein sich entwickelnder El Niño kann im Sommer die Hochdruckdominanz über Europa begünstigen. Das Blocking nimmt zu. Die Wahrscheinlichkeit für stationäre Hochdrucklagen über Skandinavien und Grönland steigt. Dieser Zusammenhang ist wissenschaftlich belegt, wenn auch schwächer ausgeprägt als der Wintereffekt und noch nicht abschließend quantifiziert. Das beschreibt ein Muster, das wir bereits seit 2018 beobachten - und der Super-El-Niño wird dieses Muster verstärken, nicht abschwächen. Siehe auch: Analyse Wetter Sommer 2026 - Fragmentiert, unberechenbar und deutliche Signale in den Extremen.

Für Deutschland, Österreich und die Schweiz bedeutet das im Sommer 2026: Zunächst wahrscheinlich eine hochdruckdominierte, zu warme und teils trockene erste Sommerhälfte. Dann - mit der zunehmenden Reife des El Niño ab Herbst und der damit verbundenen Destabilisierung des atlantischen Jetstreams - erhöhte Störanfälligkeit, eingeschlossene Höhentiefs, quasistationäre Niederschlagssysteme. Dürre und Hochwasser liegen dabei nicht nur meteorologisch, sondern zeitlich eng beieinander. Ein Kann, kein Muss.
Was 1997/98 und 2015/16 uns zeigen
Der El Niño von 1997/98 war bis dahin das stärkste jemals gemessene Ereignis. Sein Niño-3.4-Index erreichte Spitzenwerte von +2,4 Grad - eine massive regionale Meerestemperaturanomalie im tropischen Pazifik mit globalen Folgen. Er war für das Ausbleichen von rund 16 Prozent der weltweiten Korallen verantwortlich, verursachte Rekordniederschläge in Kalifornien, die schlimmste Dürre in Indonesien und schwere Überschwemmungen in Ostafrika. 1998 wurde dadurch das bis dahin wärmste Jahr der Wetteraufzeichnungen. In Europa blieben die direkten Effekte moderat bis kaum spürbar - aber der Winter 1997/98 war in Deutschland mit +3,0 Grad einer der wärmsten des 20. Jahrhunderts. Das Muster von 2015/16 war fast identisch, nur auf höherem Temperaturniveau.
Was sich 2026/27 wiederholen könnte, ist nicht die Wetterentwicklung von 1998 oder 2016. Die Ausgangsbedingungen sind fundamental anders: Die Meere sind wärmer, die arktische Meereisdecke deutlich dünner, der Jetstream instabiler, das Mittelmeer wärmer als je zuvor. Ein Super-El-Niño 2026/27 trifft auf ein System, das bereits in einem geschwächten, veränderten Zustand ist.
Was El Niño historisch mit dem Winter über Deutschland macht
Kommen wir zum Punkt, der für Mitteleuropa relevant ist. Fünfzehn El-Niño-Ereignisse seit 1951 haben wir ausgewertet. Das Ergebnis ist eindeutig, aber mit einer wichtigen Einschränkung:
In 53 Prozent aller El-Niño-Winter war es über Deutschland zu warm. In 34 Prozent zu kalt. In 13 Prozent normal. Ein Blick auf die Extremwerte macht den Trend noch deutlicher. Der Winter 1997/98 - während des bislang stärksten El Niño - brachte Deutschland eine Anomalie von +3,0 Grad gegenüber dem Mittelwert 1961-1990. Der Winter 2015/16 - beim letzten Super-El-Niño - übertraf das sogar: +3,62 Grad Anomalie. Für den kommenden Winter 2026/27 bedeutet das statistisch: Die Wahrscheinlichkeit für einen zu warmen Winter liegt bei über 50 Prozent - mit einer realen Chance auf einen neuen Extremwert, wenn der Super-El-Niño seine volle Stärke bis Herbst/Winter entfalten sollte.

Aber - und das ist entscheidend - auch kalte Winter sind in El-Niño-Jahren möglich, wie die Beispiele 1963/64, 1968/69 oder 2009/10 zeigen. El Niño garantiert keine Wärme, er verschiebt nur die Wahrscheinlichkeiten. Der Unterschied zu früher: Die Klimaerhitzung drückt die Grundtemperatur zusätzlich nach oben. Selbst ein kalter
Winter 2026/27 wird, gemessen an historischen Maßstäben, wohl kein echter Winter mehr sein.
Die Unsicherheit - und was sie bedeutet
Im Moment ist es eine Prognose und wie immer bei Prognosen gilt, ein gesundes Maß an Skepsis walten zu lassen. Ob aus dem sich entwickelnden El Niño tatsächlich ein Super-El-Niño wird, hängt von westlichen Windanomalien über dem Westpazifik im Nordhemisphären-Sommer ab. Diese sind nicht garantiert und Abwarten ist angesagt. 2014 deutete alles auf ein Extremereignis hin - und das Wasser kühlte sich wieder ab. Die NOAA beschreibt die Stärke des kommenden El Niño derzeit als sehr unsicher
. Das ist keine Relativierung. Es ist der Hinweis darauf, dass das Klimasystem nichtlinear ist und Überraschungen in beide Richtungen möglich sind.
Was aber feststeht: Ein El Niño kommt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ein starker. Mit wachsender Wahrscheinlichkeit ein sehr starker. Und er trifft auf eine Nordhemisphäre, die bereits aus ihrem alten Zirkulationsregime herausgefallen ist. Schaun mer mal.












