Analyse der Randfaktoren: Schwacher Polarwirbel mit frühem Winter über Deutschland?
Die Hochdruckdominanz intensiviert sich im Verlauf der Woche und lässt die Temperaturen kräftig ansteigen. Der November 2025 ist bisweilen ungewöhnlich warm und wenn sich daran nichts ändert, kann der November auch ein rekordwarmer Monat werden. Aber ja, die Vorhersagemodelle berechnen seit einigen Tagen einen markanten Temperatursturz, welcher auch Winterwetter mit Schneefall und einer winterlichen Landschaft bis in die mittleren Lagen hinab nicht ausschließen lässt. Doch wie wahrscheinlich ist ein Durchbruch des Winters noch im November - wir analysieren das im Sonntagsupdate heute einmal genauer.
Unser neues Format des Sonntagsupdates kam bei unseren Lesern mit vielen tollen Rückmeldungen gut an. Insbesondere in der Verifikation und auch in der rückschauenden Bewertung war diese Analyse für viele sehr hilfreich. Vielen Dank für die vielen positiven Rückmeldungen an dieser Stelle!
Blockade auf dem Atlantik, ungewöhnlich warmes Herbstwetter über Deutschland
Kalte Luftmassen polaren Ursprungs strömen ab dem 11. November zwischen Grönland und Skandinavien auf den Atlantik und initialisieren zwischen Island und England ein Tiefdrucksystem. Gleichzeitig etabliert sich weiter westlich ein Blockadehoch auf dem Atlantik. Das Tief wird zunächst an Ort und Stelle gehalten und drückt auf seiner Vorderseite ungewöhnlich warme Luftmassen weit nach Norden. Über Deutschland gelangen diese Luftmassen im Verlauf der Woche unter Hochdruckeinfluss, sodass ab Mitte der Woche mit einer zunehmenden Sonnenscheindauer zu rechnen ist. Die Temperaturen erreichen +14 bis +18 Grad, und manch ein Modell berechnet Höchstwerte von bis +22 Grad. Auch in der Höhe von 1.500 Metern wird es mit bis +15 Grad für die Jahreszeit ungewöhnlich warm.

Wettervorhersage der Prognose-Modelle: Die Großwetterlage im Umbau - ungewöhnlich warmes Herbstwetter über Deutschland © www.meteociel.fr || wxcharts.com
Analyse der Vorhersagemodelle: Schwacher Polarwirbel, gestörte Zirkulation und die Möglichkeit für den frühen Winter
Der frühe Winter ist im November eigentlich nichts Ungewöhnliches und tritt meist in der letzten Novemberdekade in Erscheinung. Markant war das bspw. 2005, als sich über dem Süden bei Dauerfrost eine Schneedecke bis in die tieferen Lagen ausbilden konnte. Damit das aber funktioniert, bedarf es ganz besonderer Voraussetzungen, welche die Vorhersagemodelle in den vergangenen Tagen immer wieder berechnet hatten.
Wetterwirksames Grönlandhoch
Wir wurden in den vergangenen Tagen immer wieder gefragt, warum wir das Hoch über Grönland als wetterwirksam bezeichnen. Kurz zur Erklärung: Das Grönlandhoch ist eine mehr oder weniger stabile Druckanomalie über dem Grönlandplateau, die - bedingt durch die Topographie und Kälteabstrahlung - meist thermisch und orographisch bedingt besteht. Sie ist also in gewisser Weise immer da
, wirkt aber nicht automatisch wetterbestimmend.
Was sich in den letzten Jahren verändert hat, ist weniger die Existenz des Hochs, sondern dessen Dynamik und Kopplung mit der großräumigen Zirkulation. Durch die zunehmend gestörte Westwinddrift - also eine schwächere zonale und eine stärkere meridionale Strömung - kann sich das Grönlandhoch häufiger verstärken und ausdehnen.
Solche Aufwölbungen entstehen typischerweise, wenn Rossby-Wellen stärker amplifiziert werden. Dann schiebt sich das Hoch weiter nach Westen oder Süden, koppelt sich eventuell mit blockierenden Hochdruckbrücken über dem Atlantik und wird wetterwirksam - etwa durch eine Umleitung der Frontalzone oder einen Kaltluftvorstoß über Europa.
Vereinfacht zusammengefasst: Das Hoch selbst existiert fast immer, wetterwirksam wird es aber erst bei starker meridionaler Ausprägung und das ist ein deutliches Zeichen für eine anhaltend gestörte Zirkulation in der Nordhemisphäre.
Keine Westwetterlage - stattdessen gestörte Zirkulation mit meridionalem Strömungsverlauf
Eine Westwetterlage lässt sich somit bis auf Weiteres ausschließen und schaut man sich die nachfolgenden Wetterkarten bis in die letzte Novemberdekade hinein an, so erkennt man die Ausprägung des Grönlandhochs mehr als deutlich. Übrigens - im letzten Sonntagsupdate hatte die Analyse ein Blocking favorisiert.
Jedenfalls dreht sich das Hoch über Grönland im Uhrzeigersinn und befördert zwischen Grönland und Skandinavien kalte Luftmassen nach Süden. Im Prinzip gibt es für die Wetterentwicklung über Deutschland, Österreich und die Schweiz im Moment mit einem meridionalen Strömungsverlauf nur zwei Möglichkeiten.
In der ersten Variante wird die Kaltluft auf den Atlantik geführt, was über Deutschland die Zufuhr warmer Luftmassen aufrechterhält und einen rekordwarmen November 2025 zur Folge haben kann.
Im anderen Fall verlagert sich der Kaltluftzustrom nach Osten und baut die Hochdruckzone über Mitteleuropa ab. In Form eines Troges dehnt sich die Kaltluft nach Süden aus, was über Deutschland, Österreich und die Schweiz einen Temperatursturz mit absinkender Schneefallgrenze zur Folge hat. Meist endet so etwas bei Temperaturen von +4 bis +8 Grad in einer nasskalten Witterung, bei der Winterwetter ab den höheren mittleren Lagen optional wird.
Die Vorhersagemodelle hatten in den vergangenen Tagen in schöner Regelmäßigkeit beide Varianten berücksichtigt. Einige Extremvarianten hätten auch bis in tiefere Lagen winterliche Wetterverhältnisse samt Ausbildung einer Schneedecke zur Folge gehabt. Diese aber sind mit einem gesunden Maß an Skepsis zu bewerten.
Zusammenfassung Wetterprognose der Vorhersagemodelle
- Wetterwirksames Grönlandhoch
- Blockadehoch auf dem Atlantik
- Gestörte Zirkulation mit meridionaler Grundströmung
- Keine Westwetterlage
- Anhaltende Schwäche des Polarwirbels
- Optionales Winterwetter bis auf die mittleren Lagen herab

Wetterprognose nach den Vorhersage-Modellen: Wetterwirksames Hoch über Grönland schwächt den Polarwirbel © www.meteociel.fr || wxcharts.com
Analyse der Randfaktoren
Die Randfaktoren geben Aufschluss über den Zustand des Polarwirbels, der Frontalzone und des Strömungsverlaufs. Der NAO-Index gibt Aufschluss über das Verhältnis zwischen dem Azorenhoch und dem Islandtief. Ist alles in Ordnung, ist der NAO-Index positiv und lässt den Rückschluss auf eine Westwetterlage zu. Ist der NAO-Index neutral, rücken Nordwest- oder Südwestwetterlagen in den Fokus. Ist er hingegen negativ, müssen Blockadewetterlagen in Betracht gezogen werden.
Negativer NAO-Index
Der NAO-Index ist momentan stark negativer Ausprägung, steigt jedoch bis Ende November weiter an, erreicht jedoch maximal nur einen neutralen Zustand. Das stützt die These, dass bis weit in die letzte Novemberdekade hinein mit einem Blocking auf dem Atlantik bzw. zwischen Grönland und Island zu rechnen ist. Eine Westwetterlage lässt sich nahezu komplett ausschließen.
Clusteranalyse
Die Clusteranalyse gibt Aufschluss darüber, wo ein mögliches Blocking zu erwarten ist und welche Großwetterlage sich daraus ergeben kann. Nach den aktuellen Berechnungen gibt es nur noch 12 unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten (letzten Sonntag: 18). Rund 42 Prozent entfallen auf das Cluster einer Blockade über Europa, 42 Prozent auf ein Blocking auf dem Atlantik und rund 16 Prozent auf einen positiven NAO (Regenerierung Polarwirbel und Frontalzone).
Damit ist klar, dass eine Westwetterlage bis auf Weiteres kaum eine Chance haben wird, das Wetter bis zum Beginn der letzten Novemberdekade zu beeinflussen. Blockadewetterlagen haben zusammengenommen eine Wahrscheinlichkeit von 84 Prozent, was durchaus bemerkenswert ist. Bemerkenswert auch die Wahrscheinlichkeit, dass das Blocking über Mitteleuropa stattfinden kann, was kein Winterwetter, sondern - wenn es nicht zu einer Inversionswetterlage kommt - auch den rekordwarmen November provozieren kann. Vor diesem Hintergrund sind die obenstehenden Schneeprognosen mit einem gesunden Maß an Skepsis zu bewerten.
Zusammenfassung Randfaktoren
- Blockadewetterlagen haben eine hohe Relevanz
- Westwetterlagen werden nahezu ausgeschlossen
- NAO-Index bleibt im negativen Zustand
- Rekordwarmer November nicht auszuschließen

Gegenüberstellung ausgesuchter Kontrollläufe - Blockadewetterlagen und ein negativer NAO-Index mit Winterwetter über Deutschland © www.meteociel.fr || wxcharts.com
Analyse Zustand des Polarwirbels
Ein weiterer Randfaktor ist der AO-Index, welcher vereinfacht ausgedrückt den Zustand des Polarwirbels widerspiegelt. Der AO-Index ist seit dem 10. Oktober überwiegend negativer Ausprägung und bleibt das vorerst auch bis Ende November. Der Mittelwert aber nimmt einen zunehmend neutralen Zustand an. Mehrheitlich ist nicht mit einer raschen Regenerierung des Polarwirbels zu rechnen.
Warum ist der Polarwirbel so schwach? Zwei Möglichkeiten: die Klimaerhitzung oder aber etwas stimmt im oberen Teil - dem Stratosphärenwirbel - nicht. Als stabil gilt der Stratosphärenwirbel, wenn die Winde mit +130 bis +190 km/h ihre Kreise gegen den Uhrzeigersinn drehen (von West nach Ost). Es wäre demnach also nur eine Frage der Zeit, bis sich die unteren Schichten des Polarwirbels allmählich regenerieren können. Sind die Winde hingegen schwach (alles unter +70 km/h), so stimmt etwas nicht mit der Struktur des Stratosphärenwirbels. Werden die Winde hingegen negativ, bricht der Stratosphärenwirbel zusammen und wird rund 7 bis 14 Tage später auch die unteren Schichten des Polarwirbels destabilisieren.
Die aktuellen Stratosphärenwinde betragen +100 km/h, schwächen sich jedoch darüber hinaus mit einem Spektrum von +90 km/h bis +14 km/h und einem Mittelwert von +68 km/h ab. Das bedarf einer genaueren Analyse, ob es sich um einen novembertypischen Dämpfer über den Aleuten handelt oder um eine systemische Schwächung des Stratosphärenwirbels durch ein Warming. Die Windumkehr (West-Ost; Ost-West) lässt sich über den Aleuten erkennen und tritt im November wie auch im Februar häufiger in Erscheinung. Zudem lässt sich im Ansatz ein schwaches Minor-Warming erkennen. Beides hat (noch) keine Relevanz oder gar eine Auswirkung auf die unteren Schichten des Polarwirbels und erst recht nicht auf das Wetter. Jedoch lässt sich eine systemische Schwächung feststellen, doch die Ursache der gestörten Zirkulation liegt mit dem Grönlandhoch woanders, was wir hier einmal näher beschrieben haben: Neue Analyse zeigt: Schwacher Polarwirbel - was das für das Winterwetter bedeutet. Die Kombination aus beidem aber wird in der These den Polarwirbel derzeit so schwächen.
Zusammenfassung Analyse Zustand des Polarwirbels
- Stratosphärenwirbel schwach
- Ost-West-Umkehr über den Aleuten
- Nur bedingt systemische Schwächung (Minor-Warming)
- Polarwirbel bleibt in seiner Gesamtstruktur schwach

Zustand des Stratosphärenwirbels © www.meteociel.fr
Fazit
Es läuft noch nicht alles rund, was rund laufen sollte. Ein Blockadehoch ist weiterhin sehr wahrscheinlich - entweder ein Fortbestand auf dem Atlantik oder über Mitteleuropa. Somit bleiben für das Fazit letztlich nur zwei Wetterentwicklungen übrig - deutlich zu warm und trocken oder nasskalt mit winterlichen Optionen.
Der Temperatursprung im Verlauf der kommenden Woche gilt als sehr wahrscheinlich und wird zum 14. November mit einer Temperaturanomalie von bis zu +12 Grad über Deutschland für frühlingshafte Temperaturen sorgen können. Mit nennenswertem Niederschlag ist bis zum 15. November nicht zu rechnen.
Nachfolgend aber ändert sich das grundlegend. Die Niederschlagstätigkeit nimmt im Zeitraum vom 15. bis 24. November zu und ist über ganz Deutschland leicht bis mäßig erhöht. Die Temperaturen gehen mit einem Mittelwert von +4 bis +8 Grad spürbar zurück, was die Anomalie in einen für den November typischen Bereich einpendeln lässt. Das spricht gegen die These eines Hochdrucksystems über Mitteleuropa und mit den zurückgehenden Temperaturen wohl auch gegen einen rekordwarmen November. Das Auf und Ab jedoch ist ein klarer Fürsprecher eines meridionalen Verlaufs des Strömungsmusters mit einem Blockadehoch auf dem Atlantik.
Die Wahrscheinlichkeiten für Schnee und Winterwetter
Um herauszufinden, wie weit die Schneefallgrenze absinken wird, muss man die Temperaturentwicklung in 1.500 Metern Höhe analysieren. Die Höhenwerte liegen am 14. November noch bei +15 Grad und sinken bis zum 19. November auf ein Mittel von -3 bis -1 Grad ab. Damit ist eine schwankende Schneefallgrenze zwischen 800 und 1.300 Metern sehr wahrscheinlich. Über tieferen Lagen hat in der zweiten Novemberhälfte eine zunehmend nasskalte Witterung eine höhere Relevanz.
In der Trendbetrachtung haben in den vergangenen 72 Stunden kühlere Varianten zugenommen. Varianten, welche den Winter mit Schneefall bis auf die mittleren Lagen zur Folge haben, erreichen mittlerweile eine Wahrscheinlichkeit von 40 Prozent. Zum Vergleich: zu warme Varianten haben eine Wahrscheinlichkeit von 44 Prozent.
Blick auf den Langfristtrend
Langfristprognosen sind mit einem hohen Maß an Skepsis zu bewerten und ermöglichen lediglich einen Trend, ob zu warmes, zu kaltes, zu trockenes oder zu nasses Wetter zu erwarten ist. Langfristprognosen machen also nur in der Analyse mit anderen Randfaktoren und Parametern Sinn.
Keines der Langfristmodelle berechnet für den November zu kaltes oder normales Wetter. Durchweg wird ein zu warmer November simuliert. Im Vergleich zum vergangenen Sonntags-Update hat sich der Temperaturüberschuss mit einer Anomalie von +2 bis +4 Grad aber noch verstärkt. Also ja, der November wird ebenfalls mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit deutlich bis extrem zu warm ausfallen können.
Eine Korrektur hat die Niederschlagsprognose erfahren, welche mittlerweile von allen Langfristmodellen als deutlich bis extrem zu trocken simuliert wird. Ein Blockadehoch über Mitteleuropa sollte man vor diesem Hintergrund nicht außer Acht lassen.
In diesem Sinne Ihnen einen wunderbaren Sonntag und einen guten Start in die neue Woche. Übrigens gibt es heute Abend gegen 20:15 Uhr einen Ausblick darauf, was vom Wetter im Januar 2026 zu erwarten ist.

