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Warme Meere und gestörte Zirkulationen - Grundlage für turbulentes Herbst- und Winterwetter

| M. Hoffmann

Mit einer gewissen Spannung wird die Wetterentwicklung im Herbst und Winter erwartet. Warum? Ganz einfach – das Strömungsmuster ist seit 2024 auffällig gestört. Gestört wurden vor allem die stabilen Hochdruckwetterlagen, meist von Störimpulsen, welche sich phasenweise als Kaltlufttropfen in die Hochdruckgebiete einnisten konnten. Zudem sind die Meere ungewöhnlich warm, und das Mittelmeer war in diesem Sommer sogar rekordwarm. Welche Auswirkungen hat das auf den Herbst und Winter, und wie steht die Langfristprognose der Vorhersagemodelle dazu? Ein Überblick.

Wetterlagen sind gestört, Meere viel zu warm - Chancen auf Winterwetter? © Martin Bloch
Wetterlagen sind gestört, Meere viel zu warm - Chancen auf Winterwetter? © Martin Bloch

Kaltwinter – es ist doch wieder einmal an der Zeit?

Der letzte zu kalte Winter liegt jetzt schon 14 Jahre zurück, und es gibt Kinder und Jugendliche, die noch keinen richtigen Winter erlebt haben. In Zeiten vor der Klimaerhitzung wechselten sich kalte und warme Winter in einem Zyklus von etwa drei Jahren ab. Meist spielte noch eine Westwetterlage eine Rolle, doch in den vergangenen Jahren wurden auch diese nicht nur schwächer, sondern traten seit 2018 so gut wie gar nicht mehr in Erscheinung.

In diesem und im letzten Sommer war die atlantische Frontalzone über Wochen hinweg überhaupt nicht präsent. Dafür waberten Störimpulse in einem gradientenschwachen Wetterumfeld umher und sorgten im Juni 2024 sowie im Juli 2024 und 2025 mit einem quasistationären Verhalten für unwetterartige Niederschlagsmengen. Im August gab es dann jeweils eine längere Trockenphase, doch steuern im September die nächsten Störimpulse auf Deutschland zu. Ungewöhnlich – und über die möglichen Gründe werden wir an anderer Stelle noch genauer eingehen. Insofern ist die Frage vieler unserer Leser berechtigt: Es ist doch wieder einmal an der Zeit, dass ein Kaltwinter – also ein Winter, der mit seinen Durchschnittstemperaturen knapp unter dem vieljährigen Mittelwert von 1961 bis 1990 liegt – möglich sein muss.

Wahrscheinlichkeit liegt bei 75 Prozent für einen zu warmen Winter

Die Statistik ist aus Sicht der Freunde des Winterwetters niederschmetternd. In den vergangenen 20 Jahren waren 75 Prozent der Winter gegenüber dem vieljährigen Mittelwert von 1961 bis 1990 zu warm. Das ist eine klare Ansage. Durchschnittlich sind die Winter in den vergangenen 30 Jahren um +1,2 Grad wärmer geworden. Hört sich nicht nach viel an, sorgt aber dafür, dass in den meisten Wintern der sog. Flachlandwinter so gut wie gar nicht mehr in Erscheinung tritt und selbst über den mittleren Lagen zunehmend seltener wird. In den vergangenen 10 Jahren betrug die Durchschnittstemperatur im Winter sage und schreibe +2,7 Grad (normal: +0,2 Grad). Die Temperaturen waren somit um +2,5 Grad zu hoch.

Drastischer Rückgang der Schneetage

Statistisch gesehen gingen die Tage mit Schnee in den vergangenen 30 Jahren um 11 Tage zurück. Wenn man so will, schwinden mit jedem Grad Erwärmung die Schneetage um 8,5 Tage. In einem normalen Winter sind rund 35 Schneetage möglich. 2024/25 gab es 9,5, 2023/24 rund 15, 2022/23 rund 14, 2021/22 rund 12 und 2019/20 rund 4 Schneetage. Das erklärt zugleich den Frust vieler Freunde des Winterwetters.

Zudem zeigt die Statistik auch, dass die Klimaerhitzung in zunehmendem Maße voranschreitet. Die Sommer werden heißer, die Winter wärmer, und einen Winter – so wie er früher vorherrschend war – wird es bis auf ein paar Ausnahmen so nicht mehr geben. An Bilder aus Skiregionen wie dieses hier wird man sich in Zukunft weiter gewöhnen müssen.

Die Winter werden immer wärmer
Die Winter werden immer wärmer
© Michael Theusner www.mtwetter.de

Warme Meere und die möglichen Auswirkungen auf das Wetter

Seit 2023 sind die Meere – sowohl der Nordatlantik als auch die Mittelmeerregion – rekordwarm. Da dieses Phänomen neu ist, sind die Auswirkungen auf das Wetter weitgehend unbekannt. Ja, Wasser speichert die Wärme als Energieform, gibt diese aber auch wieder ab. Vermutlich ist das mit ein Grund für die Häufung der Störimpulse, welche stabile Wetterlagen vereiteln und Westwetterlagen weitgehend ausfallen lassen. Meridional getriggerte oder gestörte Wetterlagen treten hingegen häufiger in Erscheinung.

Die Meere sind weiterhin deutlich bis extrem zu warm
Die Meere sind weiterhin deutlich bis extrem zu warm © www.ceam.es || climatereanalyzer.org

Westwetterlagen nehmen ab

Die nachfolgende Reanalyse zeigt die Anomalien der Jahre 2022 bis 2025 im Vergleich zu 1974/76. Die warmen Farben repräsentieren die Hochdruckanomalie, die kalten Farben die Tiefdruckanomalie. Auffällig ist der Tiefdrucklops vor Mitteleuropa und die Hochdruckanomalie zum einen über Mitteleuropa und zum anderen über dem östlichen Kanada – also exakt dort, wo die atlantische Frontalzone ihren eigentlichen Ursprung hat. Mit anderen Worten formuliert, herrscht seit 2022 eine gestörte Zirkulation vor, bei der die Westwetterlagen keine große Rolle mehr spielen und in schöner Regelmäßigkeit in Richtung der Azoren austrogen. Geschieht das im Winter, so ist mit einer überwiegenden Südwestanströmung ein Supermildwinter zu erwarten, dessen Eintreffwahrscheinlichkeit auch in diesem Winter erneut hoch ist.

Besonders auffällig wird die Veränderung der Klimaerhitzung, wenn man das mit Werten von früher vergleicht, bspw. mit dem Zeitraum von 1974 bis 1976, als die Westwetterlagen noch intakt waren.

Westwetterlagen treten zunehmend seltener in Erscheinung
Westwetterlagen treten zunehmend seltener in Erscheinung © noaa.gov

Was stimmt mit dem Wetter nicht?

Die obenstehenden Wetterkarten bringen es gut auf den Punkt und erklären zugleich, warum wir uns derzeit in einer Zeit befinden, in der sich Großwetterlagen anders verhalten werden, als wir das aus der Vergangenheit kennen. Das wird sich in den kommenden Jahren noch weiter verschärfen, und ein Zurück zu alten Mustern wird es nicht mehr geben, da der CO2-Ausstoß von heute erst in 10,1 Jahren wetterwirksam wird.

Doch trotz der vierzehn zu warmen Winter und neunundzwanzig zu warmen Sommer in Folge – das Wetter kennt keine Statistik, und Tiefdrucksysteme müssen nur an der richtigen Stelle zum Stehen kommen. Und dann – ja, dann kann es wieder Winterwetter geben, und meridional verlaufende Wetterlagen können wesentlich dazu beitragen. Doch Vorsicht – meridional bedeutet ein Verlaufsmuster, das entweder von Nord nach Süd oder von Süd nach Nord verläuft. Letzteres hätte einen extrem warmen Winter zur Folge – das nur mal so am Rande erwähnt. Dennoch – zum Ausklang des kommenden Winters ist wieder mit einem QBO-Ost zu rechnen, und wer weiß, vielleicht passt es ja einmal richtig und so ein quasistationäres Verhalten eines Störimpulses sorgt für Dauerschneefall.

Die Herbst- und Winterprognose der Vorhersagemodelle

Kommen wir zum Herbst- und Wintertrend der Langfristmodelle. Wie immer an dieser Stelle der Hinweis, dass Langfristprognosen einen Trend der Temperaturen und Niederschläge abbilden und keineswegs als Detailprognosen zu verstehen sind.

Der Herbst und Winter nach dem Deutschen Wetterdienst:
Das Jahreszeitenmodell des Deutschen Wetterdienstes (DWD) berechnet den Herbst (September bis November) mit einer Wahrscheinlichkeit von knapp 80 Prozent zu warm und mit einer Wahrscheinlichkeit von knapp 60 Prozent zu trocken. Das ist eine mehr als deutliche Ansage!

Für den Winter ist die Prognose noch nicht vollständig und geht bis Januar. Dennoch wird der Zeitraum von Dezember bis Januar mit einer Wahrscheinlichkeit von 65 Prozent zu warm und 22 Prozent zu kalt simuliert. Mit rund 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit wird dieser Zeitraum zu nass und nur zu 20 Prozent zu trocken simuliert.

Wintertrend nach dem Langfristmodell der NASA:
Das Langfristmodell der NASA berechnet die Monate September, Oktober und November mit einer Abweichung von +0,0 bis +1,0 Grad normal bis leicht zu warm.

In der Niederschlagsbilanz ist ein ausgeglichener Sollwert im Vergleich zum vieljährigen Mittelwert möglich.

Für den Winter wird eine Anomalie von +1,0 bis +2,0 Grad simuliert. Der Niederschlag bleibt unauffällig – weder zu nass noch zu trocken.

Herbst- und Winterprognose nach dem CFSv2-Modell
Der Herbst soll nach dem CFSv2-Modell mit einer Temperaturanomalie von +1,5 bis +2,5 Grad gegenüber dem Klimamittelwert von 1961 und 1990 deutlich zu warm ausfallen. Keiner der Herbstmonate ist normal oder gar zu kalt bewertet. Die Niederschlagsanomalie ist normal ausgeprägt.

Die drei Wintermonate werden allesamt mit einer Anomalie von +2,0 bis +3,0 Grad extrem zu warm berechnet (91/20: +0,8 bis +1,8 Grad). Eine normale oder kühlere Phase wird nicht berücksichtigt – mit einer Ausnahme: der Januar über den Alpen.

Die Niederschlagsleistung ist von Dezember bis einschließlich Februar als etwas zu nass zu bewerten.

Herbst- und Wintervorhersage nach dem europäischen Langfristmodell:
Der September, Oktober und der November werden bei einer nur leicht erhöhten Niederschlagsbilanz mit einer Abweichung von +1,5 bis +2,5 Grad zu warm simuliert (91/20: +0,5 bis +1,3 Grad).

Der Winter wird mit einer Abweichung von +1,5 bis +2,5 Grad zu warm berechnet (91/20: +0,3 bis +1,3 Grad). Die Überraschung aber zeigt sich im Januar 2026: Er wird nach der aktuellen Prognose normal und im Trend sogar leicht zu kühl simuliert. Das hat man schon seit Jahren nicht mehr gesehen, dass ein Monat auch nur ansatzweise zu kalt berechnet wird. Ja, es ist nur eine Simulation, die sich noch verändern wird, sie stützt jedoch die These der meridionalen Wetterentwicklungen, die unter bestimmten Voraussetzungen auch Winterwetter zur Folge haben können. Die Niederschlagsbilanz ist über alle drei Wintermonate als neutral zu bewerten.

Abweichungen der Temperaturen im Herbst und Winter gegenüber dem langjährigen Mittelwert von 1961–1990. In Klammern der Mittelwert von 1991–2020.
Monat Temperatur Niederschlag
September 2025 +2,0 bis +3,0 Grad
(+1,5 bis +2,5 Grad)
Normal bis etwas zu trocken
Oktober 2025 +1,5 bis +2,5 Grad
(+1,1 bis +2,1 Grad)
Trend: etwas zu nass
November 2025 +2,0 bis +3,0 Grad
(+1,3 bis +2,3 Grad)
Trend: etwas zu nass
Dezember 2025 +2,0 bis +3,0 Grad
(+1,0 bis +2,0 Grad)
Trend: normal bis etwas zu nass
Januar 2026 +1,5 bis +2,5 Grad
(+0,1 bis +1,1 Grad)
Trend: normal bis etwas zu nass
Februar 2026 +2,0 bis +3,0 Grad
(+0,9 bis +1,9 Grad)
Trend: normal bis etwas zu nass
Diagramm der Temperaturentwicklung Herbst/Winter 2025/2026 vom 10.09.2025
Diagramm der Temperaturentwicklung Herbst/Winter 2025/2026 vom 10.09.2025

Auf den Punkt gebracht

Keines der Vorhersage-Modelle simuliert einen halbwegs normalen Winter, geschweige denn einen Kaltwinter. Vielmehr lässt der Wettertrend der Vorhersage-Modelle den Rückschluss auf einen erheblich zu warmen Winter zu, was in Zeiten mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent für einen Warmwinter auch nicht weiter verwunderlich ist. Überraschend ist die Januarprognose des europäischen Wettermodells, die für Freunde des Winterwetters so etwas wie ein Silberstreif am Horizont ist.

Doch Vorsicht und Skepsis sind bei Langfristprognosen angebracht, und sollte sich das meridionale Strömungsmuster im Winter behaupten können, so sind im Zusammenspiel mit einem QBO-Ost auch noch ganz andere Überraschungen möglich. Schaun mer mal.

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© Deutscher Wetterdienst, Offenbach (DWD)