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Extremhitze 2003 und Dürre 1540: Warum historische Extreme den Klimawandel nicht widerlegen

| C. Bertram

Mir wurde immer wieder die Frage gestellt, was das mit der Klimaerhitzung auf sich hat, wenn es doch früher - beispielsweise im Jahre 1540 - doch auch Hitze und Dürrephasen gab. Ich habe mir einmal die Mühe gemacht und die Fakten für eine Gegenüberstellung von 2003 und 1540 aus vielen Studien, Arbeiten und Messdaten zusammengetragen. War 1540 wirklich so herausragend, wie Klimaskeptiker und Wissenschaftsleugner immer wieder ins Feld führen, oder gibt es da eine ganze Reihe an Lücken und wie steht der Vergleich zum Sommer 2003, der Europaweit ca. 70.000 Todesopfer zur Folge hatte?

Wie außergewöhnlich war der Sommer 1540 im Vergleich zu 2003?
Wie außergewöhnlich war der Sommer 1540 im Vergleich zu 2003?

Sommer 2003: Der Sommer 2003 gilt als historisches Rekordereignis in Europa. Satellitendaten zeigen, dass etwa Frankreich im Juni 2003 bis zu +7 Grad wärmer war gegenüber dem klimatologischen Referenzzeitraum (1961–1990). Vielerorts wurden Temperaturrekorde gebrochen, und allein in Frankreich kostete die Hitzewelle etwa 15.000 Menschenleben (euruopaweit ca. 70.000 Hitzetote). Instrumentelle Messreihen und Studien auf Basis von Proxydaten (z.B. Baumringe, Weinlesedaten) lassen darauf schließen, dass der Sommer 2003 der wärmste für viele Jahrhunderte war. Er wird oft als Maßstab (Benchmark) für extreme Hitzewellen verwendet. Das Ausbleiben von Niederschlag verstärkte die Hitze durch Rückkopplung (trockenes Land heizt sich stärker auf) und führte zu schweren Dürreschäden in Landwirtschaft und Ökosystemen.

Der Sommer 2003 verlief extrem heiß: Modis-Satellitendaten zeigen etwa einen Hitzetag im Juli 2003, der große Teile Frankreichs um über +10 Grad aufheizte.
Sommer 1540: Auch der Sommer 1540 war extrem trocken und heiß. Historische Quellen berichten von einer elfmonatigen Dürreperiode des Jahres 1540, die von einigen Historikern als Megadürre bezeichnet wird. Zeitgenössische Chroniken und Tagebücher (über 300 Berichte aus ganz Europa) beschreiben beinahe gänzlich ausgebliebenen Regen, stark gesunkene Flusspegel, ausgetrocknete Brunnen und verheerende Waldbrände. Im Winter und Frühjahr 1539/1540 fiel noch normaler Niederschlag, doch ab Januar 1540 blockierte ein stabiles Hochdruckgebiet (Omega-Lage) die atlantischen Luftmassen über Mitteleuropa. Die Folgen waren katastrophal: Böden rissen auf, im April fielen nur drei Regentage, Vieh und Menschen litten unter Wasserknappheit. Die Dürre 1540 setzte den Landstrichen zu: Getrocknete Flussbette und rissiger Boden berichten von extremer Trockenheit.

Rekonstruktion und Analyse

Wissenschaftler rekonstruieren das Klima von 1540 mit verschiedenen Methoden – jede birgt Unsicherheiten:

  • Dokumentarische Quellen: Tagebücher (z.B. des Krakauer Rektors Marcin Biem) und Chroniken liefern quantitative Angaben zu Regenmengen und Trockenheit. Aus solchen Angaben ergaben Berechnungen, dass die Niederschlagstage 1540 in Mittel- und Westeuropa selbst im Vergleich zu Instrumentalaufzeichnungen unter den bisherigen Tiefstwerten lagen. Solche Quellen sind wertvoll, aber uneinheitlich, örtlich begrenzt und qualitativ fraglich.
  • Biologische Proxys: Baumringe (Dendrochronologie) und Weinlesedaten bieten Jahresvergleiche. Frühere Studien (z.B. Weinlesedaten aus der Schweiz) schätzten Frühjahrs-Sommertemperaturen 1540 um +4,7 … +6,8 °C über Normal, höher als 2003. Allerdings können extreme Trockenheit und Hitze das Wachstum stark begrenzen: Beispielsweise trockneten 1540 viele Weintrauben ein, so dass Winzer die Ernte aufschoben. Kritiker weisen darauf hin, dass gerade bei extremen Anomalien Proxys versagen können (Stichwort „Divergenz-Problem“). Ein aufsehenerregendes Beispiel: In einer Analyse von 24.000 Baumringdaten fanden Büntgen et al. (2015) in den Baumringdaten keine klaren Belege für außergewöhnliche Trockenheit 1540. Sie berichten etwa, dass zahlreiche Fichten in Mitteleuropa im Jahr 1540 normal wuchsen, erst 1541 ein etwas kleinerer Jahresring folgte. Büntgen et al. kommen deshalb zu dem Schluss, dass die Behauptung “Proxys könnten Extremereignisse wie 1540 einfach nicht erfassen” nicht haltbar sei.
  • Klimamodelle und statistische Ansätze: Einige Forscher nutzen globale Klimasimulationen, um das warme 1540 auf heutige Temperaturmaßstäbe zu übertragen. Orth et al. (2016) verbanden dokumentierte Trockenheitstage von 1540 mit einem Erdsystemmodell und E‑OBS-Temperaturdaten. Ihr Ergebnis: In Mitteleuropa war mit mittlerer Wahrscheinlichkeit das Frühlings-Sommer-Mittel 1540 wärmer als der heutige Durchschnitt – wenn auch wahrscheinlich nicht wärmer als der von 2003. Allerdings lag die Wahrscheinlichkeit, dass der 1540er Tagesmaximum-Wert höher als im Jahr 2003 war, bei 40–70 %. Mit anderen Worten: Laut diesem Modell könnte es gut sein, dass in 1540 einzelne Tage noch heißer waren als im Ausnahmesommer 2003, während das Mittel über drei Monate 2003 vermutlich knapp vorne liegt (nur ~20 % Wahrscheinlichkeit, dass 1540er-Durchschnitt höher war).

Damit zeichnet sich ein uneinheitliches Bild: Einige Analysen (Wetter & Pfister 2013/2014) unterstützen die These eines Jahrtausendsommers 1540 mit höheren Temperaturen als 2003, andere (Büntgen et al. 2015) finden in Proxydaten keine Bestätigung. Die Anwendung statistischer Modelle (Orth et al. 2016) versucht, diese Unterschiede aufzulösen, bleibt aber mit großen Unsicherheiten behaftet.

Messmethoden und Unsicherheiten

Die Rekonstruktion historischer Sommerexterme stützt sich daher auf mehrere Datenquellen – jede mit Vor- und Nachteilen:

  • Bäume und Pflanzen: Jahresringbreiten und Holzdichten zeigen generelle Klimaeinflüsse, sind aber bei Hitze-Limits gesättigt. Sehr hohe Temperaturen oder Wassermangel können das Wachstum ganz einstampfen, was zu unvollständigen und verzögerten Reaktionen führt. Solche Effekte (auch in modernen Daten zu beobachten) bedeuten, dass extreme Trockenheit in 1540 oft im Ringmuster nicht voll durchschlägt.
  • Chroniken und Tagebücher: Sie liefern qualitative Beobachtungen von Menschen – Regentage, Ernteeinbrüche, Flussstände etc. Für 1540 existieren außergewöhnlich viele Einträge aus ganz Europa, was den Befund einer lang anhaltenden Dürre stützt. Allerdings sind solche Quellen subjektiv und lückenhaft: Sie decken nicht gleichmäßig alle Regionen ab und lassen sich nur aufwändig quantifizieren.
  • Weinlesedaten und Agrarchronologien: In Regionen wie der Schweiz gibt es lange Serien von Weinernten, die meist temperaturabhängig sind. Doch extreme Trockenheit kann diese Indizes verfälschen (z. B. Ernteverschiebungen bei voller Reife), daher muss man vorsichtig sein.
  • Instrumentelle Messungen: Für 2003 liegen umfangreiche Messdaten vor, für 1540 gibt es keine direkten Thermometer-Messungen. Daher bedarf es der oben genannten indirekten Methoden und von statistischen Modellen, um 1540 mit 2003 zu vergleichen.
  • Klimamodelle: Simulationen heutiger Modelle können das Klima des Jahres 1540 nicht eins zu eins wiedergeben – insbesondere ist ein extrem langanhaltender Dauerhitzemonat wie 1540 in den Rechenexperimenten nicht aufgetreten. Man muss Daten also extrapolieren und Annahmen treffen (z.B. über den Zusammenhang von Trockenheit und Hitze). Das führt zu großen Unsicherheiten.

Insgesamt gilt: Jede Methode allein liefert nur ein Teilbild. Die Forschungsarbeiten kombinieren daher mehrere Belege. Noch existieren deutliche Widersprüche (Waldringe sagen normal, Chroniken aber extrem), die weitere Studien klären müssen. Der reale Wert 1540 ist schwer direkt messbar – deshalb spricht Orth et al. von mittlerem Vertrauen in ihre Ergebnisse und betonen die erheblichen Unsicherheiten bei der Rekonstruktion.

Klimaskeptiker-Argumente, Wissenschaftsleugner und Gegenüberstellung

Manche Klimaskeptiker verweisen auf den Sommer 1540, um zu behaupten, extreme Hitze könne auch ohne menschgemachten Klimawandel auftreten. Sie sagen etwa: 1540 war doch noch heißer als 2003 – da brauchte es kein CO₂! Wissenschaftler räumen zwar ein, dass auch natürliche Klimaextreme wie 1540 möglich sind. Gleichzeitig weisen sie aber darauf hin, dass solche Ereignisse sich grundlegend von der aktuellen Erwärmung unterscheiden. Insbesondere nennt der IPCC mehrere Punkte:

  • Regional vs. global: Historische Hitzewellen wie 1540 betrafen meist lokal Mitteleuropa, während die heutige Erwärmung weltweit gleichzeitig stattfindet. Ein einzelnes Extremjahr sagt wenig über den globalen Temperaturtrend aus.
  • Beschleunigter Trend: Die derzeitigen Temperaturanstiege verlaufen deutlich schneller als alle natürlichen Veränderungen in den letzten Jahrtausenden. Die schnelle Erhöhung seit Mitte des 20. Jahrhunderts passt zu Treibhausgas-Antrieb, nicht zu den langsamen Schwankungen früherer Jahrhunderte.
  • Perioden mit natürlicher Abkühlung: Phasen wie das „Wetterstein-Optimum“ um 1540 waren teils Folge natürlicher Schwankungen (z.B. veränderte Sonnenstrahlung, großräumige Wetterlagen). Der heutige Erwärmungstrend überlagert und übersteigt diese natürlichen Effekte deutlich.

Aus skeptischer Sicht mag der Vergleich 1540/2003 suggerieren, Wärmeereignisse kämen „von selbst“. Das stimmt aber nur eingeschränkt: Extremjahre traten zwar schon immer vereinzelt auf, ihre Häufigkeit und Intensität nehmen nachweislich durch den anthropogenen Klimawandel zu. In vielen Quellen heißt es daher: Vergangene Rekorde widerlegen den Klimawandel nicht. Sie verdeutlichen vielmehr, wie ungewöhnlich auch historisch einzelne Jahre sein können – und dass unsere heutigen Modelle und Messmethoden sehr genau prüfen müssen, wie 1540 im Klimakontext eingeordnet wird.

Einordnung

Der Sommer 1540 war zweifellos außergewöhnlich trocken und heiß in Europa – die Dokumente sprechen von einer Jahrtausenddürre. Moderne Studien legen jedoch nahe, dass einige Kennwerte (wie Spitzenwerte der Temperatur) in Teilen Mitteleuropas durchaus vergleichbar oder übertroffen wurden mit denen von 2003. Andere Auswertungen (z.B. Baumringe) finden hingegen wenige Signale für solche Extrema. Insgesamt zeigt der Vergleich von 1540 und 2003: Beide Jahre waren außergewöhnlich, aber jede Bewertungsmethode hat Grenzen. Entscheidend ist, dass die Klimaerhitzung heute anders gelagert ist – er betrifft alle Regionen und verursacht langfristig steigende Temperaturen. Ein einzelnes Extremjahr aus der Vergangenheit relativiert nicht den vom Menschen verursachten Trend.

Wissenschaftliche Studien rekonstruieren Sommer 1540 und 2003 anhand von Chroniken, Baumringen, Erntedaten und Klima­modellierungen. Demnach war 2003 bisher das eindeutig am besten dokumentierte Extremereignis, 1540 aber möglicherweise in einzelnen Aspekten ähnlich oder extremer – allerdings mit großen Unsicherheiten. Klimaforscher weisen darauf hin, dass historische Ausreißerereignisse wie 1540 wegen ihrer begrenzten Verbreitung und den speziellen Wetterlagen nicht mit der anhaltenden, globalen Erwärmung vergleichbar sind.

1540: Keine ausgeprägte Hitzewelle

Rüdiger Glaser, Historiker und Klimatologe an der Universität Freiburg, hat die historische Quellenlage zum Sommer 1540 intensiv analysiert. In mehreren Arbeiten (z. B. Glaser et al. 2015) weist er darauf hin, dass der Juni 1540 keine herausragende Hitze aufwies. Vielmehr war es ein sehr trockener, aber eher „normal warmer“ Monat, was aus verschiedenen Chroniken und phänologischen Beobachtungen hervorgeht. Das steht im Gegensatz zu 2003, wo gerade der Juni mit Rekordwerten (besonders in West- und Mitteleuropa) auffiel. Das legt nahe: Die sommerliche Hitze 1540 war deutlich stärker im Juli und August konzentriert, während 2003 über mehrere Monate gleichmäßig extrem verlief.

René Orth (Max-Planck-Institut für Biogeochemie) und Kollegen (2016, Nature Geoscience) nutzten kombinierte Dürre- und Temperaturmodelle, um aus der dokumentierten Regenarmut Rückschlüsse auf die Temperaturverhältnisse zu ziehen. Dabei ergab sich ein interessantes Detail: An einzelnen Tagen und in bestimmten Regionen Mitteleuropas könnte die 40-Grad-Marke überschritten worden sein, öfter als im Sommer 2003. Diese Rekonstruktion basiert auf Kopplung von historischen Dürredaten mit heutigen atmosphärischen Reanalysen und legt nahe, dass Tageshöchstwerte in 1540 örtlich extremer gewesen sein könnten – aber eben nicht das sommerliche Temperaturmittel.

Orth schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass das Sommermittel von 1540 höher lag als 2003, auf etwa 20 % – während er für extreme Einzelereignisse (Tageshöchstwerte) eine Wahrscheinlichkeit von bis zu 70 % für höhere Werte in 1540 nennt.

Zusammenfassung: Fraglich, ob der Sommer 1540 wärmer als 2003 war

Die außergewöhnliche Dürre von 1540 ist gut belegt; eine flächenweit höhere Sommertemperatur als 2003 dagegen nicht. Für 1540 fehlen dichte, homogenisierte Messnetze; temperatur-sensitive Proxys zeigen kein konsistentes, europaweites Hitzesignal, und der Juni war offenbar nicht außergewöhnlich heiß. Modellstudien deuten zwar auf örtlich sehr hohe Tagesmaxima hin, doch das Sommer-Mittel liegt sehr wahrscheinlich unter 2003. 2003 ist zudem instrumentell hervorragend dokumentiert, räumlich kohärent, mit hohen Nachtwerten und klarer Attribution auf ein erhöhtes globales Temperaturniveau. Kurz: 1540 war eine Jahrtausenddürre, 2003 eine historische Hitzewelle – beides extrem, aber nicht gleichartig und 1540 nicht gleich sicher belegbar.

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