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Der Wald als Schutzzone: Es ist an der Zeit, dass wir mit dem Wald anders umgehen

| C. Bertram
Es ist an der Zeit, dass wir mit dem Wald anders umgehen müssen

Dem deutschen Wald geht es nicht gut, nein, eine Korrektur - er stirbt. Nach dem neuen Waldzustandsbericht ist nur noch jeder fünfte Baum gesund. Andersherum - 80 Prozent der Bäume in Deutschland weisen Schäden auf. Mir liegt der Wald am Herzen und in meinem Wald sieht es nach Eingriffen der Forstwirtschaft jetzt wie auf dem Schlachtfeld aus. Aus diesem Grund schreibe ich ein paar Zeilen - um wachzurütteln und zu mobilisieren. Der Wald ist eine unserer wichtigsten Lebensgrundlagen und ein großer Helfer in Zeiten der Klimaerhitzung. Zeit, dass die Forstwirtschaft einen Rückzieher macht und damit aufhört, unsern Wald durch Misswirtschaft zu zerstören.

Ich recherchiere an diesem Artikel seit rund zehn Tagen und während ich diesen Zeilen schreibe, regnet es ohne Unterlass. Über manchen Regionen extrem, mit katastrophalem Ausmaß. Man hört von überlaufenden Regenbecken, von verstopften Brücken und Abflüsse mit Holz und Kleinholz. Jahrhunderthochwasser geistert durch die Medien.

Hochwasser - auch ein Produkt der Forst- und Waldwirtschaft?

Ich bin mit dem Wald sehr verbunden und in meiner Region stelle ich Vorgänge fest, die mit einem gesunden Wald wenig gemeinsam haben. Massive Holzeinschläge finden von den Forstbehörden statt. Tiefe Furchen im Waldboden, teils kahl geschorene Flächen. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man annehmen, dass hier eine große Schlacht stattgefunden hat. Fragt man bei der Forstbehörde nach, so wird als Grund der Holzeinschläge der Klimawandel genannt. Fragt man genauer nach, so stellt sich im eigentlichen Sinne eine Misswirtschaft heraus und ja, der Klimawandel offenbart diese Misswirtschaft der Forstbehörden gnadenlos. Von Verantwortung wollen die Forstbehörden nichts wissen, stattdessen spricht man lieber vom Waldumbau, damit sich der Wald besser den Klimabedingungen anpassen kann. Soso, Waldumbau!

Rückegassen - Hochwassermaximierung

Während ich also diese Zeilen schreibe, regnet es weiter - ohne Unterlass. Mittlerweile sind 170 l/m² an Regensummen zusammengekommen. Im Fernsehen sieht man Bilder, bei der Schnittholz - die sogenannte Biomasse der Baumernte die Kanäle verstopfen und so zu dieser verheerenden Situation beitragen. Schaut man sich den Wald - insbesondere in Hanglagen - einmal genauer an, so erkennt man Rückegassen, in welche in vielen Fällen die Harvester (Erntemaschinen) vordringen. Diese Rückegassen sind meist in einem Abstand von 30 bis 40 Meter hangabwärts angelegt. Da diese Erntemaschinen zwischen 20 und 70 Tonnen wiegen, sind die Fahrrinnen in diesen Rückegassen zwischen 80 cm und 1,5 Meter tief.

Um ein weiteres Einsinken zu verhindern, wird die sogenannte Biomasse (alles um den Stamm herum) abgezogen und auf die Rückegasse gelegt. Dort macht die Biomasse jedoch aus dreierlei Gründen keinen Sinn. Aus Biomasse wird Humus. Sinnvoller aber ist es, die Biomasse (späterer Humus) im Wald verteilt und nicht auf der Rückegasse abzulegen.

Das zweite Problem - die Rückegassen sind hangabwärts gerichtet. Durch die Tiefe entsteht so eine Drainagebildung, was den Wald über die Zeit entwässert - ähnlich wie bei einem Moor, dass man trocken legt.

Problem drei - wenn es stark regnet, schießt das Wasser entlang der verdichteten Rückegassen schnellstmöglich ins Tal und reißt dabei die Biomasse (oder den Humus) mit sich, was zu den Bildern im Fernseher führt. Schnittgut staut sich an, verstopft die Abflüsse und lässt das Wasser überlaufen. Ähnliche Beobachtungen hat es auch im Ahrtal zu seiner Zeit gegeben.

Schwammwald - Hochwasserminimierung

Auf meine Frage, warum man die Rückegassen nicht quer zum Hang anlegt, wurde ich vom Förster fast ausgelacht. Das Warum, sagte er mir jedoch nicht. Vermutlich hat das wirtschaftliche Gründe. Was bei den aktuellen Extremwetterereignissen auch aufgefallen ist, dass die Rückhaltebecken vielerorts vollgelaufen sind. Warum benötigt man Rückhaltebecken? Meist befinden diese sich am Ende von Hanglagen - am Wald. Man hat sie gebaut, um Starkregenereignisse nicht ungebremst durch die Ortschaften rasen zu lassen.

Jetzt kommen wieder die Rückegassen ins Spiel. Die Erntemaschinen (Harvester) kommen seit den 1990er-Jahren vermehrt in Deutschland zum Einsatz und ebenfalls werden in den vergangenen Jahren vermehrt Regenrückhaltebecken gebaut. Da gibt es also einen kausalen Zusammenhang.

Was würde also passieren, wenn die Forstwirtschaft einen Wald in Ruhe lassen würde? Totholz würde sich anreichern. Ein ordentlicher Buchenstamm kann bei seiner Verrottung bis zu 2.000 Liter an Wasser speichern. Denkt man das Prinzip weiter, so würde sich am Waldboden ein gesundes Geflecht aus Pilzen, Moosen, Farnen und Gräsern ausbilden können. Diese beschatten den Waldboden und saugen ebenfalls Wasser auf. Das verhindert zum einen eine schnelle Austrocknung des Waldbodens und zum anderen kann dieser Starkniederschläge abpuffern, verzögern und deutlich minimiert in die Tallagen ablassen. Zudem trägt das langsame Versickern zur Grundwasserausbildung bei. Vorausgesetzt, es gäbe keine Bewirtschaftung des Waldes mehr - oder eben keine Rückegassen, welche in Hanglagen durch Erntemaschinen befahren werden.

Regionales Holz? 51 Prozent der Buchen werden nach China exportiert

Spätestens an dieser Stelle werden einige von Ihnen protestieren. Man muss doch Holz schlagen dürfen - schließlich ist es Brennholz und man benötigt den Werkstoff Holz. Ja, das sagte mein Förster auch. Zudem sagte er, dass er lieber das Holz aus lokalem Bestand nimmt, als teuer aus anderen Ländern importiert.

Auch da habe ich einmal nachgeforscht. Tatsächlich ist es so, dass im Moment vermehrt Buchen aus den deutschen Wäldern verschwinden. Jaja, wegen des Klimawandels - mag man meinen. Tatsächlich aber gibt es in Teilen von China ein Einschlagsverbot und kaufen den Weltmarkt gewissermaßen leer. Da steigt der Preis für eine Buche und findet rasch seine Abnehmer. Mag sein, dass das Holz vom Wald an ein lokales Sägewerk verkauft wird. In Wirklichkeit ist es aber so, dass 51 Prozent der in Deutschland geschlagenen Bäume nach China exportiert wird. Ganz klar, der Förster meines Waldes hat bis zu diesem Zeitpunkt massiv an Glaubwürdigkeit verloren.

Forstunternehmen sind oftmals keine Wirtschaftsunternehmen, sondern müssen bezuschusst werden

Noch etwas hat mich stutzen lassen. Der Förster, welcher zu ForstBW gehört (Forstunternehmen Baden-Württemberg) sprach stets davon, dass sie ein Wirtschaftsunternehmen sind. Das Ziel ist also, mit dem Abholzen des Waldes Geld zu verdienen. Ich habe mir die Zahlen einmal näher angeschaut und feststellen müssen, dass dem nicht so ist. Nach Auskunft des Ministeriums für Ernährung, ländlichen Raum und Verbraucherschutz zeigt sich vielmehr, dass ForstBW ein Zuschussunternehmen ist (s. 251 ff.). Steuerzahler bezahlen dafür, dass Bäume gefällt werden. Das ist - zumindest nach meiner Meinung - keine gute wirtschaftliche Praxis.

Staatswald gehört uns allen

Bei meinen Nachforschungen, wem denn der Wald gehört, habe ich noch etwas feststellen müssen, was ich bisher nicht wusste. Es gibt den Kirchenwald, den Privatwald, den Kommunalwald und den Staatswald. Die letztgenannten ist Eigentum der Gemeinden, des Landes und des Staates. Somit das Eigentum von uns allen. Also mein und auch ihr Wald. Die Forstbehörden verwalten diesen Wald lediglich in unser allem Interesse - nur wird nach unserem Interesse nicht so wirklich gefragt.

Neues Waldgesetz

Aus diesem Grunde soll es in Kürze ein neues Waldgesetz geben. Auf Nachfrage konnte man mir von offizieller Seite keine konkreten Auskünfte dazu geben. Also habe ich mich an die Naturschutzverbände und Organisationen gewandt. Auch dort kennt man die Einzelheiten zum neuen Waldgesetz nicht. Es ist jedoch bekannt, dass eine ganze Reihe von Lobbyisten mit am Tisch sitzen - was nicht weiter verwunderlich ist - doch wohl nur eines zum Zweck hat - das Erleichtern von Abholzungen. Ok, das ist eine Annahme - Gewissheit gibt es erst, wenn man einen Einblick in das neue Waldgesetz bekommt. Fraglich ist nun mal, warum das nicht transparent gemacht wird - schließlich ist es unser aller Wald!

Epigenetik - den Wald mal machen lassen

Noch etwas habe ich gelernt. Man braucht die Forstbetriebe und den Förster nur dann, wenn man den Wald gewinnbringend umbauen oder für wirtschaftliche Zwecke erhalten möchte. Aus ökologischer Sicht und im Hinblick auf die Klimaerhitzung bezogen, wäre aber ein Heraushalten der Forstbetriebe deutlich besser für den Wald.

Es gibt in der Biologie den Begriff der Epigenetik. Einfach formuliert, haben Umwelteinflüsse eine Wirkung auf die Gene. Und da alles der Evolution folgt, versuchen Bäume das Wissen an die nächste Generation von Bäumen durch ihre Gene im Samen weiterzugeben. Die nachfolgende Generation ist besser auf die klimatischen Bedingungen angepasst. Denn ohne die Epigenetik gäbe es Bäume und den Wald nicht. Man muss den Wald einfach machen lassen. Der Mensch macht dabei nur Fehler und weiß trotzdem alles besser.

Wald kühlt, ist Frischluftlieferant, ein Wasserspeicher, Wasserspender und ein Habitat für Pflanzen- und Tierwelt

Das alles ist der Wald für uns. Und tatsächlich gibt es insbesondere bei den Deutschen ein inniges Verhältnis zu ihrem Wald. Er wird romantisiert, trägt zur Ruhe und Gesundheit bei (Waldbaden) und wird von den meisten geschätzt - zumindest ich kenne niemanden, der den Wald hasst.

Was ich vorher auch noch nicht wusste: Ein solcher Wald kühlt bei einem heißen Sommertag die Umgebung um bis zu 15 Grad ab. Kühle Luft ist schwerer als warme und das wiederum trägt zum Luftmassenaustausch in den Tälern bei. Sollte dieses ausbleiben (lichter oder gar kein Wald), so überhitzen die Täler allmählich. Zudem ist der Wald ein wichtiger Frischwasserlieferant für allerlei Kleinstflüsse und Bäche und der wichtigste Rückzugsort für die Tier- und Insektenwelt. Apropos Insekten - wenn mal wieder der Borkenkäfer für Abholzungen herhalten muss - hierzu eine interessante Erkenntnis von Jan Böhmermann: Biene vs. Borkenkäfer.

Es wird also Zeit, dass wir den Wald anders behandeln, als es die Forstunternehmen bislang machen. Alle? Nicht alle, es gibt mittlerweile einige Ausnahmen, welche eine Vorreiterrolle spielen, wie beispielsweise Lübecker und Göttinger Stadtwald sowie die Forstbetriebsgemeinschaft Saar-Hochwald.

Aktiv werden

Wenn Sie das, was die Forstunternehmen mit unserem Wald machen, ähnlich anficht wie mich, dann werden Sie aktiv. Eine Möglichkeit wäre, sich einer lokalen Bürgerinitiative anzuschließen oder selbst eine zu gründen. Noch eine Möglichkeit: Informieren Sie sich, ob Ihr Wald vielleicht FSC-zertifiziert. Stimmen die Maßnahmen mit den FSC-Regeln, wenn nicht, werden Sie FSC-Stakeholder und melden Sie die Verstöße. Wenn Ihnen das ein zu viel an Aktivität ist, können Sie auch abstimmen - es gibt zahlreiche Petitionen Pro-Wald, welche Unterstützung benötigen.

In diesem Sinne - eine schöne Waldzeit!

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